Astrophytum-Hybriden
Heinz Hoock
vor 1900 Beguin
Die Namen der Beguin Hybriden
(Bildbeispiele für Beguin Hybriden)
Die ersten literarisch bekannten Astrophytum-Hybriden in Europa hat der französische Abt Beguin Ende der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gezüchtet. Sein genauer Aufenthaltsort ist unklar und wird unterschiedlich mit Briancon (Schumann 1903), bzw. Brignoles angegeben (Radl 1896, Megata 1944). Er kreuzte Astrophytum myriostigma mit Echinocactus ornatus erfolgreich, im damaligen Verständnis Pflanzen aus verschiedenen Gattungen und belegte viele auch mit selbständigen Namen, da er davon ausging neue Arten erzeugt zu haben (Sadovsky 1979). Später zählt Schelle in seinem Handbuch unter Echinocactus myriostigma 59 davon auf (Schelle 1926, Wagner 1925, Megata 1944). Aus Altergründen wurde seine Kollektion 1895 (1896?) an die Firma Haage verkauft (Radl 1896, Katalog Haage von 1898). Die Beguin-Hybriden waren in Kakteenkreisen sehr bekannt und begehrt, aber aus heutiger Sicht wissenschaftlich wertlos. Allerdings muss erwähnt werden, dass die grundlegenden Arbeiten zur Vererbung von Gregor Johann Mendel dem Abt Beguin zur damaligen Zeit vermutlich noch nicht bekannt waren. Sie wurden erst nach 1900 durch Hugo de Vries einem breiteren Publikum zugänglich.
um 1900 Zaruba
Zaruba aus Prag-Liben war Sammler und Besitzer von Beguin-Hybriden vor 1914 (Haage / Sadovsky 1957). Nach dem 1 Weltkrieg hat er auch selber Kakteen-Kreuzungen vorgenommen.
Deutsche Kakteen-Gesellschaft
Bis zur Jahrhundertwende, gab es aus der Gattung Astrophytum / Echinocactus nur die Kreuzungen von Beguin. Aber schon kurz nach der Jahrhundertwende wurden in der Deutschen Kakteen-Gesellschaft unter der Leitung von Dr. Gürke Hybriden vorgestellt, die auch mit dem Astrophytum capricorne und Astrophytum ornatum bzw. Astrophytum myriostigma gelangen.
1907 Fobe
Fobe war ein erfahrener deutscher Kakteenspezialist, der sich intensiv mit der „Blütenbefruchtung“, wie er es selbst nannte, befasst hat. Für das Misslingen von Samenansatz führt er verschiedenste Gründe an (feuchter Pollen, zu niedrige Temperatur etc.), aber es sind ihm zur damaligen Zeit die Grundlagen der Vererbungslehre und die intergenerischen und intraspezifischen Kreuzungsbarrieren noch nicht bekannt. Er berichtet u.a.: „…Ist man zu der Überzeugung gekommen, dass eine Pflanze stets tauben Blütenstaub hervorbringt, die Narben jedoch aufnahmefähig sind, so ist eine Kreuzung mit einer anderen Art empfehlenswert. Obwohl ich kein grosser Freund von Hibriden solcher Art bin, so wird man doch manchmal ganz angenehm von derartigen Mischlingen überrascht. So entstand vor einigen Jahren eine Pflanze durch Kreuzung des Echinocactus capricornis minor Rge. mit E. myriostigma S.-D. Sie hat sehr kräftigen Wuchs, fast so stark wie E. ornatus, ist ebenso mit grossen weissen Punkten besetzt, die Färbung des Körpers ist aber hellgrüner. Die Stacheln sind so lang als bei der Mutterpflanze, aber nicht so verworren, sondern mehr abstehend, hornartig, steif und stechend, braungelb gefärbt. Die Blüten sind reingelb wie bei E. myriostigma, sehr gross und tadellos geformt…“
Später in der Septembersitzung 1907 der Deutschen Kaktee-Gesellschaft wurde durch die Protokollführer M. Gürke und W. Maass festgehalten: „…(Herr Gürke)…legte eine FOBE`sche Kreuzung von E. capricornis mit E. ornatus, deren Blüte die Mutterpflanze an Grösse übertrifft (vor)…“
1913 Heese
Megata berichtet 1944 über den Erfolg von Emil Heese bei der Kreuzung von Astrophytum capricorne x A. asterias und A. myriostigma x A. asterias ohne Quellenangabe.
1916-1917 Moiske, Herr Mundt
Herr Moiske besaß eine Hybride zwischen Astrophytum capricorne und Astrophytum ornatum. Die Pflanze wurde in der Mai-Sitzung der Deutschen-Kakteen-Gesellschaft ausgestellt und durch Herrn Schwarzbach protokolliert. Ein Jahr später präsentiert Herr Mundt in der August-Sitzung Myriostigma-Kreuzungen mit Astrophytum capricorne.
ab 1925 Otakar Sadovsky
Neben Megata war O. Sadovsky einer der wenigen die sehr umfangreiche Kreuzungen zwischen der Arten und Varietäten der Gattung unter wissenschaftlichen Bedingungen durchführten. Ziel dieser Arbeiten war die Klärung der verwandtschaftlichen Beziehungen und damit auch der evolutiven Entwicklung. Sadovsky hatte sich zum Ziel gesetzt, Pflanzen zu züchten, die den Astrophytum-Urformen nahe kamen. Beide, Sadovsky und Megata, hatten allerdings den Vorteil, dass in ihrer Zeit die Erkenntnisse in der Botanik bezüglich Vererbungsmechanismen im Vergleich zu ihren Vorgängern bahnbrechend erweitert worden waren. So stellte der dänische Botaniker Wilhelm Johannsen 1911 die Theorie des Genotyps und des Phänotyps auf. Daraus folgte, dass nur Kreuzungsversuche über den Phänotyp hinaus auf den Genotyp klare Aussagen ermöglichen. In ihre Zeit fällt auch die Entwicklung der Chromosomentheorie durch den Amerikaner Thomas Hunt Morgan (1910-1925). Die Ergebnisse von Sadovsky und Megata sind so bedeutend, dass sie noch getrennt abgehandelt werden sollen.
1925 Fric, Wagner
Nach der Rückkehr von seiner Sammelreise in Mexiko mit der Wiederentdeckung von Astrophytum asterias hat Fric 1925 in wahllosen Astrophytum-Kreuzungen die so genannten „Prager Hybriden“ erzeugt. Da die Ergebnisse nicht mit seinen Vorstellungen im Einklang waren, verurteilte er die Vererbungslehre von Gregor Mendel. Aber nicht nur Fric mangelte die Kenntnis vom aktuellen Stand des Wissens, auch bekannte Zeitgenossen wie Wagner, machten sich über Menzel öffentlich lustig: „…Neuerdings nimmt die Bastardisierung gerade dieser Arten (Anm.: Astrophytum), begünstigt durch das Hinzukommen des so lange verschwundenen E. asterias Zucc., einen neuen Anlauf. Ja, wie ich gelesen habe, werden die Samen sogar nach dem Mendelschen Gesetz erzeugt. Wie das gemacht wird, ist wohl ein Fabrikgeheimnis, denn bisher war das Mendeln eine Sache der Natur, die sich vom Menschen da nicht hineinpfuschen lässt…“
1927 H. Möller
Möller unternahm ebenfalls seit etwa 1917 Kreuzungen mit den von seinem Bruder aus Mexiko gesandten Astrophyten. Er stellte fest, dass diese zwischen Vertretern der reingelb blühenden Arten (Myriostigma, Ornatum) und denen mit rotem Blütenschlund (Asterias, Capricorne) nicht gelingen und schließt seinen Bericht mit den Worten: „…Woran das liegt, kann ich mir nicht erklären.“ Aus heutiger Sicht haben die so genannten Möller-Linien durchaus ihre Berechtigung, da sie zeigen, dass sich Austrastrophytum und Septentriastrophytum evolutiv schon weit auseinander entwickelt haben. Dass die Barriere nicht absolut ist, haben schon die o.g. Ausführungen gezeigt. Sie wurden 1933 durch den Neffen von Fric, Konrad Kayser, bestätigt.
1927-1971 R. Gräser
Robert Gräser züchtete von 1927 bis 1971 erbkonstante dreirippige Astrophytum myriostigma. Er war ein Gärtner und besaß eine hervorragende botanische Ausbildung. Seine Artikel in der deutschsprachigen Kakteenliteratur sind fundiert und fehlerfrei. Leider ist das Pflanzenmaterial nach seinem Tode nicht weiter entwickelt worden und heute praktisch verschwunden.
1940 O. Sadovsky
Sadovsky veröffentlicht die vorläufigen Ergebnisse seiner 15-jährigen Kreuzungsversuche mit etwa 500 artreinen Astrophyten in der Sukkulentenkunde. Er kommt zu einer Verwandtschaftsreihe:
Astrophytum asterias
Astrophytum capricorne v. senile
Astrophytum coahuilense
Astrophytum capricorne
Astrophytum ornatum
Astrophytum myriostigma
Astrophytum myriostigma v. tulense
und äußert die Ansicht, dass sich nur Arten kreuzen lassen, die sich verwandtschaftlich nahe stehen. Das Problem Astrophytum coahuilense mit einer möglicherweise spontanen Sterilität zu Astrophytum capricorne v. senile durch Naturhybridisierung ist ihm, wie auch seinem Nachfolger Megata unbekannt.
1944 M. Megata
Megata selbst hat umfangreiche Kreuzungsexperimente unter wissenschaftlichen Bedingungen durchgeführt und bei seiner Monographie auch die Ergebnisse seiner japanischen Zeitgenossen einbezogen. Zusammenfassend kommt er zu folgendem Ergebnis:
A. Die Kreuzung Astrophytum myriostigma x Astrophytum asterias ist sehr schwierig und wenn Samen erzeugt werden, gibt es auch nahezu normalen Sämlingswuchs. Die Kreuzung Astrophytum asterias x Astrophytum myriostigma ergibt kaum Früchte, die Sämlinge wachsen nicht normal.
B. Die Kreuzung Astrophytum myriostigma x Astrophytum myriostigma v. nudum ist schwierig, auch reziprok.
C. Astrophytum coahuilense ist kompatibler zu Astrophytum asterias und Astrophytum capricorne als zu Astrophytum myriostigma.
D. Astrophytum capricorne und dessen Varietäten sind sehr kompatibel mit Astrophytum asterias, die Sämlinge sind stark im Wuchs. Kreuzungen umgekehrt ergeben wenig keimfähige Samen.
E. Abgesehen von Astrophytum capricorne v. senile sind die intraspezifischen Hybriden von Astrophytum capricorne nicht unterschiedlich zum Typ.
Bei den Kreuzungen und Reziprokkreuzungen gibt es Unterschiede:
Astrophytum capricorne x Astrophytum asterias > reziprok
Astrophytum coahuilense x Astrophytum asterias > reziprok
Astrophytum myriostigma x Astrophytum asterias > reziprok
Astrophytum ornatum x Astrophytum asterias > reziprok
Astrophytum capricorne x Astrophytum ornatum > reziprok.
Alle Kreuzungen haben folgende absteigende Fertilität:
Astrophytum myriostigma / Astrophytum ornatum
>Astrophytum capricorne x Astrophytum asterias
> Astrophytum coahuilense x Astrophytum asterias
> Astrophytum asterias x Astrophytum capricorne
> Astrophytum myriostigma x Astrophytum asterias
> Astrophytum capricorne x Astrophytum ornatum
Daneben gibt es die sterilen Kombinationen wie:
Astrophytum asterias x Astrophytum coahuilense, Astrophytum asterias x Astrophytum myriostigma, Astrophytum asterias x Astrophytum ornatum, Astrophytum ornatum x Astrophytum capricorne.
(Anmerkung: die sterile Kombination Astrophytum asterias x Astrophytum coahuilense ist wohl ein Druckfehler in der Monographie, siehe Nr. C oben)
1957 Haage / Sadovsky
Sadovsky veröffentlicht im gemeinsamen Buch mit Haage 1957 seine weitergeführten Ergebnisse der Kreuzungsversuche. Er kommt zu einer Verwandtschaft in absteigender Reihenfolge von:
Astrophytum coahuilense
> Astrophytum asterias
> Astrophytum capricorne v. senile
> Astrophytum capricorne
> Astrophytum capricorne v. minus
> Astrophytum capricorne v. niveum
> Astrophytum capricorne v. crassispinum
> Astrophytum ornatum
> Astrophytum myriostigma v. jaumavense
> Astrophytum myriostigma
> Astrophytum myriostigma v. tulense
Im Unterschied zu 1940 stellt er jetzt Astrophytum coahuilense und Astrophytum myriostigma v . tulense an das Ende der Verwandtschaftsreihe, weil sie sich praktisch nicht miteinander kreuzen lassen. In seinem Buch 1979 gemeinsam mit B. Schütz ist die Reihenfolge identisch.
Naturhybriden
Bisher wurden noch keine Naturhybriden gefunden, obwohl es Arealüberschneidungen zwischen Astrophytum coahuilense und Astrophytum capricorne v. senile gibt (H. Hoock & W. Hoock 1994). Wenn man Standortmaterial aus gemeinsamem Areal kontrolliert kreuzt, kann man bei Astrophytum coahuilense < Astrophytum capricorne v. senile keimfähige Samen ernten, aber die Sämlinge sind vorwiegend chlorotisch und schwach im Wuchs. Ob sie die harten Standortbedingungen überleben können ist mehr als fraglich. Die Reziprokkreuzung ergibt Samen ohne Embryo bei Astrophytum capricorne v. senile und damit keine Sämlinge. (Hoock 1993)
Diskussion
Die Annahme, dass über Kreuzungsexperimente die Verwandtschaftsgrade der Astrophyten ermittelt werden können ist grundsätzlich richtig. Aber allen Autoren war noch unbekannt, dass bei einer Natur-Hybridisierung, wie es offensichtlich zwischen Vorfahren von Astrophytum myriostigma und Astrophytum capricorne mit dem „Bastard“ Astrophytum coahuilense geschah, gleichzeitig eine Fortpflanzungsbarriere zwischen den Eltern und dem Hybrid entsteht. Wäre das nicht der Fall, würden die Hybriden wieder durch Rückkreuzung die Populationen assimiliert. Das heißt, Astrophytum coahuilense ist eng mit Astrophytum myriostigma verwandt, obwohl es sich schwer damit kreuzen lässt. Deutet man die Ergebnisse von Sadovsky richtig, müsste Astrophytum myriostigma v. tulense den Vorfahren der Myriostigmen die an der Hybridisierung beteiligt waren am nächsten stehen.
Die letzten Jahre gewinnt die Untersuchung der Gene und der DNA zur Klärung der Verwandtschaftsverhältnisse auch in der Botanik immer mehr an Bedeutung. Die vorläufigen Ergebnisse bestätigen die enge Verwandtschaft von Astrophytum myriostigma mit Astrophytum ornatum und diejenige zwischen Astrophytum asterias und Astrophytum capricorne (Cota, Wallace 1996). Ebenso steht die Gattung Astrophytum der Gattung Echinocactus näher als Frailea.
Literatur
COTA, J. H.; WALLACE, R. S. (1996): La citología y sistemática en la familia Cactaceae - Cact. Suc. Mex. 41 (2): 27-46.
FOBE, F. (1907): Einiges über die Blütenbefruchtung der Kakteen - Monatsschrift f. Kakteenkunde 17 (5): 75-77.
GÜRKE, M.; MAASS, W. (1907): September-Sitzung der Deutschen Kakteen-Gesellschaft - Monatsschrift f. Kakteenkunde 17 (10): 159-160.
HAAGE, W.; SADOVSKY, O. (1957): Kakteen-Sterne, die Astrophyten - Neumann-Verlag, Radebeul: 1-156.
HOOCK, H. (1993): Ist Astrophytum coahuilense (MOELLER) KAYSER ein Naturhybrid? - Kakt. and. Sukk. 44 (2): 37-44.
HOOCK, H.; HOOCK, W. (1994): CANTE und Charles Glass: Hoffnung für die mexikanischen Kakteen - Kakt. and. Sukk. 45 (9): 186-188.
KAKTEEN-HAAGE (1898): Verzeichnis von Cacteen succulenten Pflanzen und Samen - (Firmenkatalog): 1-3.
KAYSER, K. (1933): Astrophytenhybriden - Kakteenkunde Jg (2): 22-23.
MEGATA, M. (1944): An Account of the Genus Astrophytum LEMAIRE in: Memoirs of the College of Agriculture, No. 56 - Kyoto Imperial University: 1-62.
MÖLLER, H. (1927): Beobachtungen an Astrophyten - Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 3 (3): 52-55.
RADL, F. (1896): Astrophytum myriostigma LEM. X Echinocactus ornatus DC. - Monatsschrift f. Kakteenkunde 6 (2): 19-20.
SADOVSKY, O. (1940): Astrophytenhybriden - Beiträge z. Sukkulentenkunde Jg (2): 32-37.
SADOVSKY, O.; SCHÜTZ, B. (1979): Die Gattung Astrophytum - Flora-Verlag, Titisee-Neustadt: 1-247.
SCHELLE, E. (1926): Kakteen - A. Fischer-Verlag, Tübingen: 190-194.
SCHUMANN, K. (1903): Gesamtbeschreibung der Kakteen, Monographia Cactacearum, 2. ed. mit den Nachträgen von 1898-1902 - J. Neumann Verlag, Neudamm: 7, 290, 320-325.
SCHWARZBACH (1916): Mai-Sitzung der Deutschen Kakteen-Gesellschaft - Monatsschrift f. Kakteenkunde 26 (6): 94-95.
SCHWARZBACH, BITTLER (1917): August-Sitzung der Deutschen Kakteen-Gesellschaft - Monatsschrift f. Kakteenkunde 27 (9): 139-140.
WAGNER, E. (1925): Hybriden - Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 2 (5): 87-90.
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