Die Gattung Astrophytum Lemaire, Einführung
Die Pflanzen aus der Gattung Astrophytum stellen für Wissenschaftler, Feldforscher und Liebhaber etwas Besonderes in der Familie der Kakteen dar: nur sie besitzen zumindest in ihrer Jugend Wollflöckchen auf ihrer Epidermis. Der Mexikoreisende staunt vor Ort über die unglaubliche optische Anpassung der Astrophyten an die Umgebung als Überlebensstrategie vor den Fressfeinden. Und der Liebhaber oder Laie freut sich über die außergewöhnliche Schönheit der Pflanzen, die Vielfalt der Formen und einfach zu erzeugenden Hybriden zwischen den Arten und Varietäten.
Die Geschichte der Astrophyten in der modernen Naturwissenschaft beginnt 1827 als Thomas Coulter im mexikanischen Staat Hidalgo eine bis dahin unbekannte Pflanze sammelte und sie unter der Nummer 40 nach Paris sandte. 1828 beschrieb sie De Candolle als Echinocactus ornatus, das Astrophytum ornatum wie wir es heute nennen. Bereits er erwähnt eine Eigenschaft dieser Pflanze welche die Gattung Astrophytum einzigartig unter den Kakteen macht: weiße Flockenbüschel auf der Epidermis der Pflanzen. De Candolle war sich aber nicht sicher ob die Flocken „konstant sind oder sterben“. Diese Zweifel hatte auch Ch. Lemaire als er 1838 den Echinocactus mirbelii als Synonym zu Echinocactus ornatus beschrieb. Er meinte die Flöckchen würden auf Pilzbefall deuten. Ebenso F.W.A. Miquel der im selben Jahr als weiteres Synonym Echinocactus holopterus mit dieser Bemerkung beschreibt.
Es ist zunächst eine erstaunliche Tatsache, dass die erste gefundene und beschriebene Pflanze, der Echinocactus ornatus in die 1839 von Ch. Lemaire erschaffene Gattung Astrophytum erst 1896 durch A. Weber eingegliedert wurde. Betrachtet man die Gattungsdefinition näher wird das schon etwas klarer. Sie enthält keinen Hinweis auf die charakteristischen Flocken. Obwohl Ch. Lemaire die Gattung anhand der neu beschriebenen Pflanze Astrophytum myriostigma festlegt, das gerade wegen der Flocken so auffallend ist, stützt er seine Definition im Wesentlichen auf die Sternform des Kakteenkörpers. Als Namen für die einzige Art der Gattung vergab er „myriostigma“ d.h. nach seinen eigenen Worten „...épiderme couvert de myriades de points blancs...“. Bei der Einführung der neuen Gattung hat er entweder den Echinocactus mirbelii nicht als „sternförmig“ in diesem neuen Sinne oder dessen Flocken tatsächlich als Krankheitsbild betrachtet. Ergänzend ist zu erwähnen, dass im selben Jahr H. G. Galeotti ebenfalls eine Erstbeschreibung von Astrophytum myriostigma unter dem Synonym Cereus callicoche veröffentlichte, die keinen Hinweis auf die Flocken der Pflanzen enthält.
Nachdem 1845 durch J.G. Zuccarini mit Echinocactus asterias und 1851 durch A. Dietrich mit Echinocactus capricornis zwei weitere sternförmige Kakteen mit den charakteristischen Flocken auf der Epidermis beschrieben worden waren, ergänzte Ch. Lemaire 1868 seine Gattungsdefinition mit diesem Merkmal. Schon 1845 hatte J. Salm-Dyck den Gattungs-Konflikt Echinocactus Astrophytum dadurch zu lösen versucht, indem er für Astrophytum eine Sektion (Untergattung) „Sternförmige, Asteroidei“ unter Echinocactus einrichtete die auch die Flocken als Gattungsmerkmal hat. Dieser Konstruktion folgten später viele Botaniker und Kenner wie Dr. A. Dietrich (1851), J. Labouret (1853), J. Croucher (1873), C.F. Förster (1885), Dr. K. Schumann (1898), E. Schelle (1907).
Britton & Rose betrachten in ihrem wichtigen Werk „The Cactaceae, Descriptions and Illustrations of Plants of the Cactus Family“ von 1922 Astrophytum als eigene Gattung. Dieses Konzept ist heute mehrheitlich anerkannt: C. Backeberg (1937), M. Megata (1944), Haage & Sadovsky (1957), D. R. Hunt (1967 1999), H. Bravo-Hollis & H. Sanchez-Mejorada (1991). Es gibt aber auch noch später Verfechter des Salm-Dyck`schen Systems: I. Ochoterena (1922), Dr. H. Möller (1927), A. Berger (1929), L. Benson (1982), Del Weniger (1972, 1984).
1925 beschreibt E.C. Rost in der Zeitschrift f. Sukkulentenkunde die Gattung Maierocactus und nimmt Astrophytum capricorne als Typ-Spezies. Ein peinlicher Fehler für den Autor und wissenschaftlich absolut falsch. Es gibt niemand der seiner Ansicht zugestimmt hat.
Zur selben Zeit übte A.V. Fric einen großen Einfluss durch seine sensationellen Neufunde in Mexiko und seine Beschreibung der Gattung Astrophytum in der Fachwelt aus. Er ging bezüglich der phylogenetischen Zusammenhänge völlig andere Wege, die heute schwer verständlich sind (K. Kreuzinger 1935). Er hat mit Astrophytum senile einer unberechtigten Artbildung und Synonymie in der Gattung Vorschub geleistet, die später von verschiedenen Autoren leider weiter ausgebaut wurde: C. Backeberg (1960), W. Haage & O. Sadovsky (1957), O. Sadovsky & B. Schütz (1979).
In den darauf folgenden Jahren wurden in Japan mehrere Arbeiten über die Gattung Astrophytum veröffentlicht, die außer derjenigen von M. Megata (1944) „An Account of The Genus Astrophytum Lemaire“ heute kaum mehr literarisch zugänglich sind. Nach Megata sind als Autoren zu nennen: A. Mori (1933), Dr. Y. Okumura (1933, 34, 35), T. Oritake (1935), T. Ryutanzi (1935), K. Hasunani (1935), M. Tsuda (1934-36)
Die von F. Buxbaum postulierte Verwandtschaft von Astrophytum zum Tribus Notocacteae mit der Frailea-Linie (F. Buxbaum (1951) , Krainz, H. (1961-65); Endler, J.; Buxbaum, F. (1982)), hat zu teilweise heftiger Kontroverse mit C. Backeberg geführt. Seine grundlegenden und wertvollen Arbeiten auf dem Gebiet der Botanik und seine international anerkannte Autorität hat dieser Meinung von Buxbaum leider mehr Bedeutung zugemessen als ihr zustand. Sie enthält auch Scheinargumente wie den evolutiv sekundären Großwuchs von Astrophytum ornatum aus der kleinen Kugelform von Frailea nach der Wanderung aus dem nördlichen Südamerika ins mexikanische Hochland und die Neubildung der Dornen. Gerade F. Buxbaum war ein Vertreter des Gesetzes der Verkürzung der vegetativen Phase in der Phylogenie, sodass seine Argumente nicht sehr plausibel erscheinen. Neuere Ergebnisse der Zytologie widerlegen die Ansicht einer engeren entwicklungsgeschichtlichen Verbindung Frailea Astrophytum und bestätigen die sehr enge Verwandtschaft zu Echinocactus (Cota, J. H.; Wallace, R. S., 1996).
Als M. Megata 1944 seine Monographie verfasste, beklagte er zu Recht das Fehlen von Felderfahrung und Berichten aus der Heimat der Astrophyten zum damaligen Zeitpunkt. Es standen ihm nur wenige Arbeiten zu Verfügung wie etwa diejenige von H. W. Viereck (1939). Aber selbst diese ist aus der Sicht des Kakteenhändlers geschrieben, der seine Fundortangaben möglichst nicht der Konkurrenz preisgibt. Die Situation hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich geändert. Es gibt viele Artikel und Berichte aus dieser Zeit, die sich mit der Gattung Astrophytum am heimatlichen Standort befassen (u.a.: E. F. Anderson (1958), U. Bernhard (1987), N. H. Boke (1968), R. M. Bracamontes (1978), H. Bravo-Hollis (1958), A. Brooks (1995), N. Damude & J. Poole (1990), H. W. Fittkau (1975-79), C. Glass & R. Foster (1974), D. B. Gold (1967-69), H. Hoock (1986-2002), K. Johner (1959), W. Klaus (1971-85), K. P. Kleszewski (1989-2002), F. Krähenbühl (1974-75), J. Meyran (1955-91), F. Otero (1968-70), M. Sachez-Mejorada (1955-78), P. Schätzle (1987-94)). Es ist eigentlich heute umgekehrt als damals: die Pflanzen werden nicht nur durch landwirtschaftliche Nutzung oder Straßenbau in ihrem Lebensraum in der Existenz gefährdet, sondern auch durch Sammler und Touristen. Stand zu Megata`s Zeit der Wunsch nach besserer Standortinformation im Vordergrund, ist es heute der nach einem wirksamen Pflanzenschutz. Mehrere Habitate der Astrophyten sind ernstlich gefährdet, wenn nicht schon zerstört (W. Clausing (1985), A. Draxler (2002), H. Hoock (1996), H. Sanchez-Mejorada (1982, 1987), D. Weniger (1972), J. A. Wehbe & J. L. Elizondo (1986)).
Die Entdeckung und Beschreibung von Diggitostigma caput-medusae hat zu einiger Aufregung bei den Astrophytum-Freunden geführt. Es handelt sich offensichtlich um Pflanzen aus „ihrer“ Gattung, denn sie besitzen Wollflocken auf der Epidermis, haben mützenförmige Samen und einen Blütenbau der fast exakt dem der Astrophyten entspricht. Nuevo León, wo man sie fand, ist auch die Heimat von Astrophytum capricorne bzw. ein alter Standort von Astrophytum asterias. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass eine Umkombination zu Astrophytum caput-medusae erfolgte. Ob diese botanisch berechtigt ist, muss sich erst noch erweisen. Wie schon erwähnt wird Astrophytum heute vorwiegend als selbständige Gattung betrachtet obwohl eine spätere Rück-Eingliederung in Echinocactus auf Grund moderner Erkenntnisse sinnvoll erscheinen mag. So gesehen wären wir in der Klassifikation dann wieder dort angelangt wo deren Geschichte 1828 mit Echinocactus ornatus begann.
Einführung zu den Arten
Historische Daten der Pflanzenbeschreibungen
Erstbeschreibungen der Gattung
Bildbeispiele der Arten und Varietäten
Astrophytum Gattung
Startseite