HOOCK, H. 2009. Piante Grasse 29 (4) Seite 140-143: Sämlingspfropfung auf Pereskiopsis Br. & R.
Sämlingspfropfung auf Pereskiopsis Br. & R.
Für die Sämlingspfropfung bei Kakteen wird auch heute noch gerne Pereskiopsis als Unterlage verwendet. Unter optimalen Bedingungen erzielt man damit innerhalb Jahresfrist blühfähige Pfröpflinge. Spätestens im Alter von 2 bis 3 Jahren nimmt man im Allgemeinen das Reis dann ab und bewurzelt es zur Weiterkultur.
Bei der in den Bildern vorgestellten Pflanze handelt es sich um ein Astrophytum capricorne (Dietr.) Br. & R. das ich 1975, also vor 34 Jahren als einwöchigen Keimling auf eine Pereskiopsis diguetii (Web.) Br. & R. pfropfte. Die Entwicklung des Astrophytums war so prächtig, dass ich es Jahr um Jahr verschob es abzunehmen. Heute besitzt die Pflanze eine Höhe von 55 cm bei einem Durchmesser von etwa 17 cm (ohne Dornen). Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Eingriff nun zu riskant wäre. Die bleistiftstarke Pereskiopsis ist schon lange verholzt, erfüllt ihre Aufgabe aber noch wie am ersten Tag. Das gepfropfte Capricorne steht den wurzelechten Exemplaren in der Sammlung an Schönheit, Bedornung und Blühfreude nicht nach. Im Gegenteil, es hat sich zur prächtigsten Pflanze unter seinen wurzelechten Geschwistern entwickelt.
In Deutschland hat diese Technik des Pfropfens eine lange Tradition. So berichtet der zu seiner Zeit bekannte Kakteensammler R. Meyer schon 1918 in einem Artikel der „Monatsschrift für Kakteenkunde“ über Kakteen die bereits vor der Jahrhundertwende auf Pereskiopsis kultiviert wurden. Er schreibt unter anderem: „…Ganz besonders möchte ich … vor allem eine auf Peireskia gepfropfte, verlängert kugelförmig gewachsene Echinopsis Eyriesii Zucc. von wohl 40 cm Höhe und 25 cm Durchmesser (erwähnen), welche einen ganz originellen Anblick gewährte, dessen sich die ältesten Kakteenfreunde wohl noch gewiss erinnern werden. Ein Exemplar wurde, da es sich sonst nicht auf der äußerst dünnen Unterlage hätte halten können, an vier Seiten durch Stäbe gestützt und gehalten und schwebte über der sie ernährenden Peireskia wie ein Ballon. Es hatte jedenfalls lange Jahre in dieser Stellung in Anbetracht seiner Größe zugebracht und dürfte unter anderem den Beweis liefern, dass Pfröpflingen, entgegen anderen Meinungen, auch eine lange Lebenszeit beschieden sein kann…“.
Über Sinn und Unsinn des Pfropfens ist viel diskutiert worden. Bei meinen eigenen Arbeiten mit den Astrophyten verwende ich diese Technik eigentlich nur um bei Kreuzungsexperimenten Zeit zu gewinnen, aber auch um chlorophyllgeschädigte Sämlinge zu retten oder langsam wachsende Arten wie Astrophytum caput-medusae Hunt D. schneller blühfähig zu erhalten.
Als Dauerunterlage sollte man Pereskiopsis nicht verwenden, obwohl die obigen Ausführungen das Gegenteil zu beweisen scheinen. Solche Gebilde „Astrophytum am Stiel“ sind zum einen wenig ästhetisch, zum anderen bevorzugt Pereskiopsis eine relativ hohe Überwinterungstemperatur und gesteigerte Luftfeuchtigkeit. Leider ist diese Pfropfunterlage auch etwas „launisch“ in ihrem Verhalten: es gibt Zeiten in denen der Pfröpfling geradezu explosionsartig wächst, dann wiederum stagniert er aus unbekannten Gründen für längere Zeit. Wer Astrophyten pfropft, aus welchen Gründen auch immer, ist mit Harrisia „Jusbertii“ als Unterlage gut beraten. Soll die Entwicklung eines Pfröpflings in besonders ruhigen Bahnen verlaufen oder soll er gar dauernd auf der fremden Unterlage bleiben, kann vorteilhaft Echinopsis oder sogar Astrophytum myriostigma Lem. verwendet werden. Die Lebenserwartung solcher Astrophyten beträgt dann mehrere Jahrzehnte.
Literatur:
Britton, N. L.; Rose, J. N. (1937): The Cactaceae Descriptions and Illustrations of Plants of the Cactus Family, Carnegie Inst. of Washington: 8, 25-30.
Hoock, H. (1990): Capricorne on a stick, Cact. Succ. Journ. (US) 62 (6): 267, 271.
Hoock, H. (2008): Astrophytum Lem. (Cactaceae), Monografie, Schoendruck-Media e.K., Landshut: 202.
Meyer, R. (1918): Aus der Jugendzeit, Monatsschrift f. Kakteenkunde 28 (9): 97-98.
Schumann, K. (1903): Gesamtbeschreibung der Kakteen, Monographia Cactacearum, 2. ed. mit Nachträgen von 1898-1902, J. Neumann Verlag, Neudamm: 757-766.
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