HOOCK, H. 2007. Piante Grasse 27 (1) Seite 22-25: Blüten in den Rippenfurchen bei Astrophytum Lemaire
Blüten in den Rippenfurchen bei Astrophytum Lemaire
Wer sich mit den Astrophyten befasst weiß, dass sie ihre Blüten am Vegetationsscheitel entwickeln und dort öffnen. In ganz seltenen Fällen erscheinen aber Blüten, die seitlich weit unterhalb der jungen Areolen, in den Rippenfurchen und nicht auf den Rippenkanten platziert sind. Über dieses Phänomen wurde schon viel gerätselt, so P. DOWNS (1984), R. GRÄSER (1967), H. THEOBALD (1981), A. UITEWAAL (1954), H. WERY (1976). Die Ursache ist letztlich aber noch immer nicht vollständig botanisch geklärt.
Das Samenmaterial für das hier vorgestellte Astrophytum myriostigma Lemaire stammt aus San Vicente bei Jaumave, Tamaulipas, Mexiko. Die Pflanze ist über 20 Jahre alt, ohne Scheitelverletzung oder andere erkennbare Schäden. Bisher hat sie sich völlig normal verhalten und entwickelt. Im Sommer 2006 entstand völlig überraschend eine Blüte zwischen den Rippen (Bild 1). Die bestäubte Furchenblüte setzte keine Samen an. Nachdem der vertrocknete Blütenrest abgefallen war, konnte man an dieser Stelle, tief zwischen den Rippen, eine ganz normale Areole erkennen. Dicht oberhalb in Richtung Scheitel zeigt sich inzwischen eine weiteren Knospe (Bild 2).
Erste literarische Hinweise über seltsame Sprosse bei Astrophytum ornatum v. mirbelii (Lemaire) Okumura und Astrophytum myriostigma stammen aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, durch HIRSCHT (1895) und HEUSCHKEL; K. SCHUMANN (1897). Im Beitrag von Heuschkel; K. Schumann ist in der „Monatsschrift für Kakteenkunde“ die Zeichnung eines Astrophytum myriostigma abgebildet, das seitlich in allen Rippenfurchen weit unterhalb des Vegetationsscheitels sprosst (Bild 3). Hier ist anzumerken, dass Blüten Kurzsprosse sind, es also im botanischen Sinne kaum ein Unterschied ist, ob Blüten oder zunächst vegetative Sprosse aus der Rippenfurche entspringen. Die damalige Pflanze wurde vor 1893 nach Deutschland importiert, man kann also davon ausgehen, dass es sich um keine Hybride gehandelt hat. Ob Hybridisierung bei diesem sonderbaren Verhalten der Astrophyten überhaupt eine Rolle spielt ist unklar P. TÄSCHNER (1997). Eine Scheitelverletzung könnte ursächlich sein oder andauerndes Knospenentfernen R. GRÄSER (1936, 1967). Mit viel Glück findet man selbst am Standort in Mexiko Pflanzen mit Areolen in der Rippenfurche (Bilder 4 und 5).
Karl Schumann vermutet im erwähnten Artikel es handele sich um „adventive Knospen“ die nicht aus der Blattachsel entspringen. Bei der Pflanze mit Ursprung aus San Vicente trifft das kaum zu, da die Blüte auf einer Areole entstand. Der Zusammenhang ist eher bei der Inserierung der Blattanlagen zu suchen die sich bei den Astrophyten in den Rippenzahlen ausdrückt. Sie folgt im Wesentlichen den Fibonaccizahlen 5 bei Astrophytum myriostigma im Jugend- und 8 im Altersstadium. Natürlich findet man bei dieser Varietät auch andere Rippenzahlen zwischen 3 und 13 wie hier beim vorgestellten vierrippigen Furchenblüher, aber die generelle Tendenz folgt doch der so genannten Fibonacci Reihe.
Offen bleibt aber noch immer die Frage, ob die Areolen der Furchenblüher bereits unsichtbar zwischen den Rippen in einem frühen Wachstumsstadium angelegt sind oder sich erst später durch eine bisher unbekannte Ursache völlig neu entwickeln.
Erläuterungen:
Die Sprossanlagen bei zweikeimblättrigen Pflanzen wie den Kakteen befinden sich in den Blattachseln. Bei beschädigten oder abgeschnittenen Pflanzenteilen entwickeln sich so genannte adventive Knospen die aus anderen Zellverbänden generiert werden können. Astrophytum entwickelt z.B. in solchen Fällen häufig vielrippige Sprosse aus dem zentralen Leitbündelgefäß.
Leonardo Fibonacci (um 1170 bis ca. 1240) war ein italienischer Kaufmann und berühmter Mathematiker. In seinem 1202 veröffentlichten Rechenbuch „Liber abaci“ beschreibt er u.a. ein Problem, das später zu der nach ihm benannten Fibonacci-Zahlenreihe führte. In dieser Zahlenreihe ist jede der folgenden Zahlen die Summe aus den beiden Zahlen davor. Die Reihe beginnt definitionsgemäß mit 1, 1 und dann ergibt sich die Reihe mit: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34….Es ist erstaunlich, dass die Fibonacci Reihe auch eine Entsprechung in natürlichen, botanischen Strukturen findet. So etwa in den am häufigsten vorkommenden Rippenzahlen der Astrophyten.
Literatur:
DOWNS, P. E. (1984): A Strange Phenomenon - Cact. Succ. Journ. (US) 56 (5): 217.
GRÄSER, R. ( 1936): Eine Stammblüte bei Astrophytum - hybrid - Kakteenkunde Jg (11): 217.
GRÄSER, R. (1967): Seltsame Sproßbildung bei Astrophytum myriostigma - Kakt. and. Sukk. 18 (7): 134.
HEUSCHKEL; SCHUMANN, K. (1897): Astrophytum myriostigma mit Sprossen - Monatsschrift f. Kakteenkunde 7 (11): 170.
HIRSCHT, K. (1895): Aus der Gesellschaft der Kakteenfreunde - Monatsschrift f. Kakteenkunde 5 (11): 175.
STRIGL, F. (1986): Einige interessante Abnormitäten bei Astrophyten - Kakt. and. Sukk. 37 (6): 109-111.
TÄSCHNER, P. (1997): Besonderheiten einer Astrophytum-Hybride - Kakt. and. Sukk. 48 (4): 81.
THEOBALD, H. (1981): Fehl am Platz - Ein Asterias und seine sonderlichen Blühgewohnheiten - Kakt. and. Sukk. 32 (1): 8.
UITEWAAL, A. (1954): Een merkwaardige bloeiwijze - Succulenta 33 (4): 61.
WERY, H. (1976): Asterias-Plauderei - Kakt. and. Sukk. 27 (3): 56-58.
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