HOOCK, H.; KLESZEWSKI, K. P, 2006, Kakt. and. Sukk. 57 (1) 15-18
Astrophytum capricorne mit rein gelben Blüten
„Die Blumen, einzeln aus dem Scheitel hervorkommend…(sind) schwefelgelb, allein im Centrum … findet sich ein leuchtendes hochrothes Auge…“. Mit diesen Worten beschrieb A. DIETRICH (1951) unter Echinocactus capricornis den für die damalige Zeit sensationellen Neufund eines Astrophytums, das vor allem durch den tiefroten Schlund der gelben Blüten eine große Überraschung darstellte (Bild 1). Bis dahin kannte man aus der Gattung nur Astrophytum myriostigma Lemaire, Astrophytum ornatum (DC.) F.A.C. Web. ex B&R (Echinocactus ornatus) und Astrophytum asterias (Zuccarini) Lemaire (Echinocactus asterias) die sämtlich mit rein gelber Blüte beschrieben worden waren. Alle später entdeckten Varietäten von Astrophytum capricorne hatten ebenso einen roten Blütenschlund wie der Erstfund. Viele Jahre später beschreibt H. MÖLLER (1925) mit Echinocactus capricornus v. crassispinus rein gelb blühende Capricornen aus der Sierra Parras. Diese sind aber bisher nicht als Population am natürlichen Standort in Mexiko gefunden worden. Es gibt nur Einzelexemplare in Kultur die der Erstbeschreibung ungefähr entsprechen mit meist unklarer Herkunft. Kein Wunder, dass es viele literarisch dokumentierten Spekulationen über diese Pflanzen gibt.
Seit H. Möller hat sich unser Wissen um den Capricorne-Kreis erheblich erweitert. Von fast allen Varietäten sind einzelne Exemplare am Standort gefunden, die rein gelbe Blüten besitzen oder deren Blütenschlundfarbe nur leicht orange bis pfirsichfarben ist. Häufig sind dann diese Blüten kleiner und die Dornenfarbe der Pflanzen ist ebenfalls reduziert bis zu hellgelb. Besonders deutlich geprägt ist dieses Merkmal bei den Populationen von Astrophytum capricorne v. niveum (Kayser) Okumura in der Gegend von Cuatro Cienegas, Coahuila, Mexiko. Über deren nudale Variante die dem Crassispinum von H. Möller morphologisch so nahe kommt ist zuerst von BERNHARD & HOOCK (1986) berichtet worden. Aber ihre Blütenfarbe ist ebenfalls nur in sehr wenigen Ausnahmefällen rein gelb, wie die nunmehr 19 Jahre Sämlingsbeobachtungen zeigen.. Auf der dem Habitat östlich gegenüberliegenden Seite des Bolsons ist uns eine Pflanzengemeinschaft bekannt, die stärker zur Reduktion der roten Blütenschlundfarbe neigt. In ihrer Erscheinungsform steht sie Astrophytum capricorne v. aureum (H. Möller) Okumura nahe. Wir möchten sie in diesem Beitrag vorstellen.
Der Wuchsort liegt im Ausdehnungsgebiet der Sierra Agua Chiouita, welche weiter südlich in die Sierra La Purisima übergeht. Dieser sich von Nord nach Süd erstreckender Gebirgszug bildet gleichzeitig die natürliche Ostbarriere des Bolsons von Quatro Cienegas. Auf kleinen vorgelagerten Hügeln sowie in der Ebene sind die Pflanzen von Astrophytum capricorne var. aureum anzutreffen (Bild 2). Als vorherrschendes Gestein sind grober Kalkschotter mit Feinanteilen für die Ebene und kalkige Felsplatten, Abrisse, Kanten und Schotter im Bereich der Hügel zu nennen. Bei mehreren Besuchen im April und Mai konnte festgestellt werden, dass eine starke, intensive sowie zeitlich lange Sonneneinstrahlung zu den klimatischen Bedingungen des Habitats gehören. Allerdings immer begleitet durch einen mehr oder weniger starken Wind. Die gemessene Höhe über dem Meer liegt bei 700-720 Meter.
Die Körperform der gefundenen Exemplare von Astrophytum capricorne v. aureum ist kugelig bis hin zu zylindrisch, mit einer breiten Basis. Die blaugrau schimmernde Epidermis ist schütter mit Wollflocken überzogen. Exemplare die der Sonne direkt und ohne Schutz ausgesetzt sind, zeigen eine rötliche bis rote Verfärbung der Epidermis. Die Rippen sind kantig, wobei je nach Ernährungsstand auch pralle Rippen bzw. gedrehte Rippen vorkommen können. Die Areolen sind filzig grau. Die Bedornung steht dicht und stechend um den Pflanzenkörper und ist im Neutrieb goldgelb. Später ist davon nur noch ein schmutziges Grau vorhanden. Das untere Dornenpaar ist kantig abgeflacht und nach unten geschwungen beziehungsweise gebogen (Bild 3). In den Blüten sind Pflanzen aus diesem Habitat sehr variabel. So findet man Exemplare die sich in ihrer Blütenfarbe sowie im Aufbau der Blüten nicht von anderen Capricorne Populationen unterscheiden. Bei ihnen ist die klassische Blütenfarbe Gelb mit rotem Schlund und rotem Blütenboden vorhanden. Interessant ist aber die Tatsache, dass einige Exemplare (das Verhältnis kann nicht eindeutig bestimmt werden) Blüten in reinem Gelb hervorbringen. Auch in der Blütengröße gibt es Unterschiede. In der Regel liegt der Durchmesser bei ca. 6 cm (Bild 5) aber auch Pflanzen, deren Blütendurchmesser 3 cm nicht überschreitet kommen vor (Bild 6).
Bleibt zu erwähnen, dass als Schutz vor einer direkten Sonneneinstrahlung die Astrophyten häufig unter oder am Rand von Kreosotebüschen, Agave lechugilla Torrey, Fouquieria splendens Engelmann sowie Hechtia spec. zu finden sind. Durch bessere Wachstumsbedingungen werden die Exemplare aus der Ebene vom Habitus wesentlich höher als Exemplare der Felsenregion (Bild 4).
Neben den bereits genannten Begleitpflanzen ist Astrophytum capricorne v. aureum mit Mammillaria lasiacantha Engelmann,, Mammillaria pottsii Scheer ex Salm-Dyck, einer interessanten Form von Echinocereus pectinatus Scheidweiler Engelmann, Echinocereus stramineus (Engelmann) Ruempler, Ecobaria zilziana (Bödeker) Backeberg sowie Opuntia spec. vergesellschaftet.
Klaus-Peter Kleszewski
Literatur:
BERNHARD, U.; HOOCK, H. (1986): Die Astrophyten von Cuatro Cienegas - Kakt. and. Sukk. 37 (7): 141-147.
BUXBAUM, F. (1950): Morphology of Cacti - Abbey Garden Press, Pasadena: 21, 31, 33, 194, 203-204.
BUXBAUM, F. (1963): Die Kakteenblüte und das "Gesetz der Verkürzung der vegetativen Phase" - Kakt. and. Sukk. 14 (1): 2-5.
BUXBAUM, F. (1963): Die Kakteenblüte und das "Gesetz der Verkürzung der vegetativen Phase" (Schluß) - Kakt. and. Sukk. 14 (2): 22-25.
DIETRICH, A. (1851): Beiträge zur Cacteenkunde (Echinocactus capricornis) - Allgemeine Gartenzeitung 19 (35): 273-275.
HOOCK, H. (1988): Schutz der Nektarkammer bei Astrophytum-Blüten - Kakt. and. Sukk. 39 (3): 58-61.
MÖLLER, H. (1925): Echinocactus capricornus DIETR. und seine Varietäten - Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 2 (7): 129
PORSCH, O. (1938): Das Bestäubungsleben der Kakteenblüte I - Cactaceae; Jahrbücher der DKG: Teil 1, Mai 1938: 41-43.
Wislizenus, F. A. (1848): Memoir of a Tour to Northern Mexico in 1846-1847: 76 [26]
Bilder:
Bild 1
Schnitt durch eine rotschlundige Blüte von Astrophytum capricorne aus Rinconada, Nuevo Leon, Mexiko. Dort hatte Dr. Hermann Poselger 1851 die Pflanzen entdeckt und an Dr. Albert Dietrich zur Beschreibung gesandt. Bereits am 24 Mai 1847 hatte Frederick A. WISLIZENUS (1848) den kleinen Ort besucht ohne das Astrophytum zu erwähnen. Vermutlich entging es seiner Aufmerksamkeit durch seine perfekte Mimese.
Bild 2
Westflanke der Sierra Agua Chiouita, deutlich sind die vorgelagerten kleinen Hügel des Verbreitungsgebietes von Astrophytum capricorne v. aureum zu erkennen.
Bild 3
Exemplar von Astrophytum capricorne v. aureum in der Ebene wachsend. Gut zu erkennen sind das gebogene untere Dornenpaar sowie die goldgelbe Dornenfarbe im Neutrieb
Bild 4
Im Bereich der Felsen ist es keine Seltenheit, wenn einzelne Individuen sich in Spalten oder auf kleinen Rissen im Kalkgestein ansiedeln.
Bild 5
In Kultur beobachtetes Exemplar mit einer fast rein gelben Blüte. Die Blütenlänge und der Durchmesser sind nahezu identisch mit den rotschlundigen Blüten von Astrophytum capricorne.
Bild 6
Astrophytum capricorne v. aureum mit einer rein gelben Blüte deren Durchmesser 3 cm nicht überschreitet. Eine volle Entfaltung der Blüte ist durch die dichte Bedornung nur selten zu beobachten.
Bilder zum Artikel
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