KLESZEWSKI, K. P.; HOOCK, H. 2002 . Kakt. and. Sukk. Band: 53 Heft (12) Seite 309-313; Gras-Mimese als Anpassung an die Natur: Wuchsformen von Astrophytum capricorne var. minor
Wuchsformen von Astrophytum capricorne v. minor (Runge & Quehl) Okumura
Anmerkung: Im Artikel wird der Name Astrophytum capricorne v. minor an Stelle A. capricorne v. minus benutzt, da er im deutschen Sprachraum mehr verbreitet ist.
Nach der Erstbeschreibung von Astrophytum capricorne (A. Dietrich) Britton et Rose (1851) vergingen knapp 40 Jahre bis der damals bekannte Kakteensammler C. Runge eine neue kleinwüchsige Varietät der Art in der Nähe von Saltillo, Coahuila, Mexiko entdeckte und Pflanzen an die Kakteenfirma Haage nach Europa sandte. Von dort gelangten sie wenig später zu Leopold Quehl, der die Beschreibung ohne Hinterlegung eines Herbarstücks veröffentlichte (Quehl,1892). Dieser ist eine Federzeichnung beigefügt, die einige der damals bekannten wesentlichen Merkmale der neuen Pflanzen zeigt: einen zwergigen Wuchs im Vergleich zum Typ und dünne verquirlte Dornen am gesamten Körper. Dams (1903) erhielt von C.A. Purpus und später auch H. Möller (1925) von seinem Bruder Importpflanzen dieser Neuheit. Sie galten dann aber bis 1971 als verschollen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die spärliche Beschreibung von Quehl durch verschiedene Autoren „erfinderisch“ ergänzt oder geändert wurde. Backeberg (1960) musste sich bei seinem Werk „Die Cactaceae“ letztlich auf ältere literarische Stellen ohne Pflanzenmaterial beziehen. Das mag die Ursache sein, dass er irrtümlich das Foto eines normalen Astrophytum capricorne als Astrophytum capricorne v. minor vorstellt. Wir verdanken es dem Astrophytum-Kenner Klaus (1971) aus Wien, dass der vermutliche Runge-Standort wieder entdeckt wurde. Die Autoren dieses Artikels haben in den letzten 20 Jahren unabhängig voneinander diesen und weitere Habitate im Raum zwischen Saltillo, der Sierra del Mimbre und nördlich bis zur Sierra de la Gavia besucht. Über die Beobachtungen soll hier berichtet werden.
Astrophytum capricorne und seine Varietäten sind selbst in eng begrenzten Arealen in ihrer Erscheinungsform sehr variabel. Wenn man davon ausgeht, dass die Kakteenhändler Runge und Haage bedacht waren interessante und neue Pflanzen anzubieten, wird klar, dass bereits damals eine Selektion der natürlichen Standort-Wuchsformen stattfand. Und es ist verständlich, dass wir heute oft Zweifel mit der richtigen Zuordnung ähnlicher Populationen haben. So sollte man die in der Erstbeschreibung genannten Kriterien nicht allzu eng sehen. Nach unserer jetzigen Erkenntnis sind es die folgenden Merkmale welche das Minor charakterisieren: kleiner Wuchs bei freistehenden Exemplaren, feine Dornen die als Gräsermimese eine optische Einpassung in der Natur ergeben, weniger und feinere Flocken als beim Typ die im Neutrieb weiß bis gelblich aber nicht braun sind, eine schnelle Blühfähigkeit der Sämlinge und die samenreichsten Früchte aller Astrophyten. Astrophytum capricorne v. minor ist vermutlich die höchstentwickelte Varietät unter allen bekannten Capricornen. (Bild 1)
Bei Betrachtung der verschiedenen Habitate von Astrophytum capricorne v. minor ist an erster Stelle das Gebiet westlich von Saltillo zwischen General Cepeda und La Rosa zu nennen. Entlang dieser Nord-Süd-Achse erheben sich kleine Hügelformationen in Ost-West-Richtung aus der Ebene. Die Höhe dieser Steinhügel beträgt maximal 10 Meter. Oftmals ist ein eigentlicher Hügel nur schwer zu entdecken. Als Gestein ist brauner, bis hin zu fast schwarzem Kalkstein in einzelnen Bruchstücken oder kleinen Felsrinnen vorhanden. Dazwischen hat sich feines helles Sedimentgestein abgelagert. Hier ist Astrophytum capricorne v. minor beheimatet. Die Pflanzen wachsen direkt auf den Hügeln oder auch bis in die Ebene. Teilweise unter den Büschen oder direkt zwischen den Kalksteinen sind Exemplare zu entdecken (Bild 2). Das Habitat liegt 1.426 Meter über dem Meer und es weht ein stetiger Wind. Interessant ist die Tatsache, die auch Klaus schon erwähnte, dass das „Minor“ nur auf der Nordseite anzutreffen ist. Hier sind die Pflanzen zusammen mit Thelocactus bicolor (Galeotti) Britton & Rose (Bild 3), Echinocereus stramineus (Engelmann) Ruempler, Echinocactus horizonthalonius Lemaire, Epithelantha micromeris (Engelmann) Weber, Mammillaria spec. und Opuntia spec. vergesellschaftet. Als weitere Begleitflora ist der Kreosotbusch Larrea tridentata (De Candolle) Coville, Agave lechuguilla Torrey sowie Hechtia spec. zu nennen. Der Habitus der gefundenen Pflanzen macht dem Namen „Minor“ alle Ehre. Die Körper sind klein und erreichen eine Höhe zwischen 10 und 12 cm bei einem Durchmesser von max. 6 cm.
Ein weiteres Habitat liegt nordwestlich von La Rosa, jedoch ohne die bekannten flachen Hügelformationen. Die einzige Erhebung bildet ein Tafelberg an dessen Fuß und näherer Umgebung bis in die angrenzende Sierra de Paila sich Astrophytum capricorne v. minor Populationen befinden. Brauner Kalkstein mit feinen Ablagerungen ist auch hier vorherrschend. Bedingt durch Erosion des Tafelberges kann man auch von Geröllhalden bzw. Schotter sprechen. Die hier wachsenden Pflanzen stehen nach Süden ausgerichtet teilweise ohne Schutz direkt in dunklem Gestein, welches sich durch die Sonneneinstrahlung sehr stark aufheizt (Bild 4). Die Höhe beträgt 1.230 Meter über dem Meer. Die gefundenen Astrophyten wirken in ihrem Habitus etwas größer und in der Körperbasis breiter, wobei die Bedornung dicht um den Körper steht und im Neutrieb rötlich bis hin zu gelb ist. Die Beflockung kann als fein bezeichnet werden. Bleibt zu bemerken, dass eventuell durch Steinschlag und somit verbundene Verletzungen Exemplare mit mehreren Köpfen vorkommen. Zu den bereits bei La Rosa genannten Begleitpflanzen ist Mammillaria pottsii Scheer hinzugekommen.
Der wohl nördlichste Wuchsort von Astrophytum capricorne v. minor liegt im Gebiet der Sierra de la Gavia. Hier findet man schon Übergangsformen zu Astrophytum capricorne und es fällt schwer sie entsprechend einzuordnen. Die hier ansässigen Pflanzen werden im Gegensatz zum Standort La Rosa deutlich größer (Bild 6). Die stattliche Körperhöhe von bis zu 35 cm kann hier angetroffen werden, aber auch kleine „Minor“ Kugeln zwischen Grasbüscheln und Hechtien oder in den Felsen wachsend (Bild 5). Ökologisch erinnert dieser Standort sehr stark an das Gebiet zwischen General Cepeda und La Rosa: ein Landschaftsbild mit kleinen Hügeln aus braunem Kalkstein mit Lehm und Kalkmergel-Ausschwemmungen. Die Höhe über dem Meer beträgt hier 1.015 Meter. Zu den Begleitpflanzen gesellt sich nun Hamatocactus hamatacanthus (Muehlenpfordt) Knuth sowie vereinzelt Lophophora williamsii (Lemaire ex Salm Dyck) Coulter.
Neben den häufigen Verwechslungen von Astrophytum capricorne v. minor etwa mit Astrophytum capricorne v. senile (Fric) Okumura selbst durch Fachleute (Glass, Foster 1974) sorgt der Name Astrophytum capricorne cv. crassispinoides immer wieder für Verwirrung. Es gibt von Astrophytum capricorne v. minor manchmal Pflanzen, deren Blüte rein gelb ist. Ähnliche „Exoten“ finden sich auch bei Astrophytum capricorne v. niveum (Kayser) Okumura, Astrophytum coahuilense (H. Möller) Kayser und Astrophytum asterias (Zuccarini) Lemaire. Der tschechische Kakteengärtner Fleischer hat von solchen Exemplaren erbkonstante Nachkommen gezüchtet und diese unglücklicherweise als Astrophytum capricorne cv. crassispinoides bezeichnet (Sadovsky-Schütz 1979: 152, Wery 1983) (Bild 7). Sie werden deshalb von Liebhabern immer wieder mit Astrophytum capricorne v. crassispinum (H. Möller) Okumura verwechselt, das ebenfalls rein gelb blüht aber sich in allen anderen Merkmalen wesentlich unterscheidet.
Astrophytum capricorne v. minor ist einfach in der Pflege wenn man Staunässe vermeidet, vorwiegend mineralisches Substrat verwendet und die Winterruhe beachtet. Es sollte in keiner Astrophytum-Sammlung fehlen. Immer wieder ist es ein eindrucksvolles Erlebnis wenn schon dreijährige Jungpflanzen von April bis Oktober prächtige Blüten mit einem Durchmesser bis zu 10 cm entwickeln die den gesamten Körper wie ein Sonnenschirm überdecken.
Literatur:
BACKEBERG, C. (1960): Die Cactaceae. Bd. 5: 2671-2672, Abb.: 2545.
DAMS, E. (1904): Formen des Echinocactus capricornus DIETR. - Monatsschrift f. Kakteenkunde 14(12): 183-184.
DIETRICH, A. (1851): Beiträge zur Cacteenkunde (Echinocactus capricornis). - Allgemeine Gartenzeitung 19(35): 273-275.
GLASS, C.; FOSTER, R. (1974): Strange Bedfellows. - Cact. Succ. Journ. (US) 46(3): 112
KLAUS, W. (1971): Astrophytum capricorne var. minor RUNGE et QUEHL 1892 am Standort in Mexiko. Kakt. and. Sukk. 22(9): 168-174.
MÖLLER, H. (1925): Echinocactus capricornus DIETR. und seine Varietäten. - Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 2(7): 127-129.
SADOVSKY, O.; SCHÜTZ, B. (1979): Die Gattung Astrophytum. - Flora-Verlag, Titisee-Neustadt.
RUNGE, C.; QUEHL, L. (1892): Echinocactus capricornis DIETR. var. minor RUNGE. - Monatsschrift f. Kakteenkunde 2(6): 82.
WERY, H. (1983): Eine neue Astrophyten-Hybride. Kakt. and. Sukk. 34(5): 104-105.
Bilder zum Artikel
Klimadiagramm Rinconada, Saltillo und General Cepeda
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Astrophytum capricorne v. minus
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