HOOCK, H. 1996 . Kakt. and. Sukk. Band: 47 Heft (9) Seite 203-207 Am Standort von Astrophytum asterias (Zuccarini) Lemaire in Texas, U.S.A.


Am Standort von Astrophytum asterias (Zucc.) Lem. in Texas U.S.A.

An einem schwülheißen Maitag 1994 fahre ich den Rio Grande auf dem 'Texas Tropical Trail' entlang von McAllen in Richtung Rio Grande City zum Standort von Astrophytum asterias. Die noch unkultivierten Landschaftsteile sind geprägt durch eine Baumvegetation bestehend aus Eichen (Chaparral), Akazien (Blackbrush) und Prosopis (Mesquite), häufig überragt durch Palmen. Als die Spanier dieses Tal entdeckten, nannten sie den mächtigen Fluß, der in den Golf mündet, deshalb 'Rio de las Palmas' (Palmenfluß). Die heutige mexikanische Bezeichnung 'Rio Bravo', also 'wilder Fluß', trifft eigentlich nur auf seinen Oberlauf nördlich Santa Fe zu. Hier aber, kurz vor der Mündung ist es ein breites, tiefgrünes Wasser das träge zwischen Bäumen, Weideland und Äckern seinen letzten Weg zum Golf zurücklegt.

Die überraschende Tatsache, daß es in Texas Astrophyten gibt wird 1933 von Clover berichtet. Eine Kakteensendung im Jahr 1932 an die Universität von Michigan Botanical Gardens enthielt ein Exemplar dieser Spezies und war von einer gewissen Miß Flossie Garrison im Rio Grande Valley gesammelt worden. In der Folgezeit waren die Fundorte schnell ausgeplündert, sodaß sich schon 1935 der texanische Kakteenhändler Pirtle darüber beklagt, man müsse zwei Tage suchen um eine einzige Pflanze zu finden. Heute sind leider alle historischen Vorkommen des 'Star Cactus', wie Astrophytum asterias hier bezeichnet wird, sowohl in den Verwaltungsbezirken Cameron und Hidalgo als auch im angrenzenden nördlichen mexikanischen Tamaulipas sowie Nuevo Leon verschwunden. Gegenwärtig ist ein letztes Habitat in Starr County wenigen Personen bekannt. In Europa gibt es kein legales Pflanzenmaterial, da diese Kakteen unter strengstem Naturschutz stehen. Das ist wohl auch ein Grund dafür, daß in der Literatur über die texanischen Astrophyten viele falsche Vermutungen ausgesprochen wurden. Um es vorwegzunehmen, die Pflanzen in Texas unterscheiden sich nach meinen Beobachtungen in der Morphologie nicht von ihren mexikanischen Verwandten, die südlich von Ciudad Victoria in Mexiko vorkommen.

Die texanische Asterias-Population besteht aus annähernd 2000 Exemplaren von denen ich bei meinem Standortbesuch etwa 200 näher beobachten kann. Sie sind alle 8-rippig, flach im Boden eingebettet, durch die sengende Sonne meist rotbraun eingefärbt aber durchwegs gut im Saft. Feine Flocken, bogenförmig oder verstreut über den Pflanzenkörper verteilt, bieten ihnen keinen ausreichenden Sonnenschutz. Diese Funktion übernehmen teilweise das Gras und der Trockenbusch. Trotz intensiver Suche finde ich kein Exemplar mit scharfen Rippenkanten, wie das in der Literatur für dieses Asterias immer wieder behauptet wird. Offene Blüten sind nicht zu sehen, aber die mich begleitenden Botaniker der texanischen Naturschutzbehörde schildern sie wie bekannt: gelb mit orange bis rotem Schlund, Durchmesser bis 5 cm. Es sind bereits reife Früchte vorhanden und die kleinen rotbraunen bis schwarzen Samen liegen bis zu 20 cm um die Pflanzen herum verstreut. An einer frischen Frucht machen sich Ameisen zu schaffen. Die Samenanhängsel sind für sie eine begehrte Nahrung und man kann davon ausgehen, daß dies einen wesentlichen Samen-Verbreitungsmechanismus der Art darstellt.

Es sind alle Pflanzengrößen von 2 bis 10 cm Durchmesser zu finden, wobei mittlere Exemplare mit 4-6 cm überwiegen. Oft finde ich Gruppen von 5-10 Stück auf wenigen Quadratmetern, dann bestehen wieder Lücken von 10-20 m zwischen den Individuen. Vier besonders schöne und große 'Star Cactus' sind ganz frisch in der Mitte angefressen. Vermutlich hält der einheimische Feldhase (Jackrabbit) wenig von dem Gerücht, Astrophytum asterias schütze sich vor Fraß durch einen widrigen Geschmack (Weniger, D. 1972) und verzehrt die wertvollen Astrophyten als Gemüse. An anderer Stelle stehen ähnlich beschädigte Pflanzen, die aus der Zentralachse durch Kindelbildung bereits wieder regenerieren. Alle neuen Sprosse sind 8-rippig und tiefgrün.

Der Jackrabbit stellt für die Existenz der Kakteen vermutlich die geringste der natürlichen Gefahren dar. Problematisch ist vor allem die Änderung der Lebensbedingungen für die Pflanzengemeinschaft unter dem Einfluß der umgebenden Kulturlandschaft. Man hat in der texanischen Weidewirtschaft das nicht einheimische Büffelgras (Cenchrus ciliaris) eingeführt, das sich auch am Standort des 'Star Cactus' unkontrolliert verbreitet. Es sieht zwar jetzt um diese Jahreszeit in Blüte wunderschön aus, aber mit seiner Wuchshöhe um die 20-30 cm ist es eine ernste Bedrohung, da es die flachen Asterias überwuchert und zu sehr beschattet. Die Kühe des Landeigentümers haben freien Zugang hierher. Obwohl sie sicherlich viele Kakteen zertreten, halten sie trotzdem das labile Lebensgleichgewicht von Astrophytum asterias aufrecht indem sie das Büffelgras abweiden. Auch der umgebende, schattenspendende Trockenbusch (Bosque espinoso) wurde durch Ansiedlung von größer wachsenden Bäumen in seiner früheren natürlichen Zusammensetzung verändert. Inwieweit die Wandlung der Ökologie zu einer weiteren Reduzierung des Pflanzenbestandes führen wird kann noch nicht endgültig abgeschätzt werden, da es intensive Populationsbeobachtungen erst seit wenigen Jahren gibt.

Bei schwülen Temperaturen um 35 Grad reflektiert die Hitze an den bis faustgroßen Steinen, die verstreut herumliegen, teils auch dicht den Boden bedecken. Sie sind braun bis rostrot und so heiß, daß man sich die Finger daran verbrennt. Die Hitze hat aber auch einen Vorteil. Die hier lebende Klapperschlange (Diamond Black) und ihre Verwandten bevorzugen bei diesen unangenehmen Umweltbedingungen den Mittagsschlaf in kühlen Erdlöchern. Das sanft gewellte Gelände ist von vorwiegend sandig-lehmiger Beschaffenheit mit wenig Humusanteilen und erreicht kaum Höhenunterschiede von 10 Meter. Eigenartigerweise ist ein großer Teil der Astrophyten auf den oberen Bereichen und nicht in den Senken angesiedelt.

Als sukkulente Begleitfora von Astrophytum asterias sind zu nennen Coryphantha macromeris v. ruyonii, Echinocereus poselgeri (Wilcoxia poselgeri), Echinocereus reichenbachii v. fitchii (Hedgehog Cactus), Mammillaria heyderi (Nipple cactus), Opuntia leptocaulis (Tasajillo), Opuntia lindheimeri (Lindheimer prickly-pear), Sclerocactus texensis (Echinocactus texensis), Thelocactus bicolor (Glory of Texas) und Thelocactus setispinus.

Der Trockenbusch und die übrige Pflanzengemeinschaft wird geprägt durch Acacia rigidula (Blackbrush), Aristida sp., Bouteloua trifida, Bumelia celastrina (Coma), Castela texana (Amargosa), Cenchrus ciliaris, Ephedra antisyphilitica (popote), Isocoma drummondii (Goldenweed), Karwinskia humboldtiana (Coyotillo), Koberlinia spinosa (Allthorn), Monanthochloe littoralis (Shoregrass), Prosopis glandulosa (Mesquite), Varilla texana (Saladillo) sowie Ziziphus obtusifolia (Lotebush)

Zur Rettung des letzten Vorkommens von Astrophytum asterias in Texas haben die amerikanischen Naturschutzbehörden umfangreiche Rettungsmaßnahmen geplant, die in einer vorläufigen Studie den Zeitraum bis ins Jahr 2009 umfassen und einen geschätzten finanziellen Aufwand von mehreren hunderttausend US Dollar erfordern. Es ist zu hoffen, daß diese Pläne umgesetzt werden, damit uns dieses Kleinod unter den Astrophyten erhalten bleibt. Die Aussichten hierfür schätze ich besser ein als für das mexikanische Habitat südlich von Ciudad Victoria, da das Gelände nicht öffentlich zugänglich und damit vor Kakteensammlern geschützt ist. Der Landeigentümer bestätigte mir in einem Gespräch, daß illegal eindringende, verdächtige Personen mit Schußwaffengebrauch rechnen müssen. Dies nicht wegen des 'Star Cactus', sondern aus allgemeinen Sicherheitsgründen und zum Schutz des Privateigentums. Selbst die Staatliche Aufsichtsbehörde mußte sich für unseren Besuch am Standort vorher die Erlaubnis des Farmers hierfür einholen.

Kartentext:

Auf der Karte sind die historisch bekannten Fundorte in Mexiko und USA von Astrophytum asterias (Zucc.) Lem. eingezeichnet. Vermutlich sind alle Pflanzengemeinschaften durch Aufsammlung und Landkultivierung verlorengegangen. Zwei heute noch existierende Populationen, die eine südlich von Cd. Victoria und die zweite in Starr County Texas, sind aus Gründen des Pflanzenschutzes nicht dargestellt.

Bildertexte:

Bild 1:
Der Standort des texanischen Astrophytum asterias. Er ist charakterisiert durch sanfte Hänge und Ebenen mit Gras- und Dornbuschvegetation. Der 'Star Cactus' wächst bevorzugt im lichten Schatten anderer Begleitpflanzen oder auch von Gestein. Überwiegend besteht der lehmig- tonhaltige Boden aus marinen Sedimenten und ist von Schotter bedeckt.

Bild 2:
Astrophytum asterias wächst üblicherweise bodengleich und mimetisch hervorragend der Umgebung angepaßt, sodaß es nicht einfach zu finden ist. Das Bild zeigt eine typische Pflanze von etwa 8 Zentimeter Durchmesser mit Fruchtresten und Samen.

Bild 3:
Es kommt selten vor, daß Astrophytum asterias im natürlichen Habitat eine Silhouette wie dieses Exemplar bildet. Es ist der glühenden Sonne ohne Schattenschutz ausgesetzt und trotzdem in ausgezeichneter Verfassung.

Bild 4:
Eine Pflanzengruppe die zeigt, daß das texanische Astrophytum asterias keine Rippenkanten besitzt wie fälschlicherweise immer wieder vermutet wird.

Literatur:

BENSON, L. (1982): The Cacti of the United States and Canada, Stanford University Press, Stanford, California

CLOVER, E. U. (1933): Astrophytum asterias in the United States, Desert Plant Life 5 (2): 20-21

CROSSWHITE, F. S. (1980): Dry Country Plants of the South Texas Plains, Desert Plants 2 (3): 143, 144

DAMUDE, N.; POOLE, J. (1990): Status report on Echinocactus asterias (Astrophytum asterias), U.S. Fish and Wildlife Service, Albuquerque, New Mexico: 1-58

Department of the Interior, Fish and Wildlife Service USA (1993): Endangered and Threatened Wildlife and Plants: Determination of Endangered Status for the Plant Astrophytum asterias (Star Cactus), Federal Register, Rules and Regulations 58 199: 53804-53807

FRICK, G. A. (1935): Fricks Notes, Cact. Succ. Journ. (US) 6 (12): 178

MITICH, L. W. (1988): The Mystery of Astrophytum asterias in the United States, Excelsa Jg. 1988 (13): 89-92

RUNYON, R. (1936): Cacti of the Lower Rio Grande Valley, Desert Plant Life 8 (2): 16-17

WENIGER, D. (1972): Cacti of the Southwest - Texas, New Mexico, Oklahoma, Arkansas and Lousiana: 70-71

Bilder:

Astrophytum asterias, Starr County, Standort
Astrophytum asterias, Starr County, Pflanze (1)
Astrophytum asterias, Starr County, Pflanze (2)
Astrophytum asterias, Starr County, Pflanze (3)
Astrophytum asterias, Starr County, Karte

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