HOOCK, H. 1993 . Kakt. and. Sukk. Band: 44 Heft (10) Seite 212-215 Entdeckt, verloren, wiedergefunden: Astrophytum myriostigma LEMAIRE bei der Mine von San Rafael, San Luis Potosi

HOOCK, H. 1998 . Cactussen (Belgien) Band: 11 Heft (6) Seite 92-95 Tijdschrift voor Liefhebbers van Vetplanten Kamerplant Ontdekt, verloren, weergevonden: Astrophytum myriostigma Lemaire bij de mijn van San Rafael, San Luis Potosi


Entdeckt, verloren, wiedergefunden: Astrophytum myriostigma Lem. bei der Mine von San Rafael, SLP

Die alte, verlassene Minenstadt von San Rafael im südlichen San Luis Potosi, Mexiko, hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt. Als ich sie am Dienstag, den 15.1.91 vormittags erreiche, erwarte ich verfallene Holzgebäude, bewachsene Abraumhalden und Stollen, wie sie so charakteristisch für die historischen Goldgräbersiedlungen im amerikanischen Westen sind. Nicht so die Reste von San Rafael: es ist ein ausgedehntes Ruinenfeld ehemals massiver Steinkonstruktionen. Die Dächer und die oberen Giebelteile der Häuser sind eingestürzt, im Inneren der Umfassungsmauern wächst inzwischen dichtes Gebüsch. An der Struktur der Vegetation lassen sich die früheren Straßen und Gassen erahnen, die noch um die Jahrhundertwende von über eintausend Menschen bevölkert waren. Heute wohnt hier niemand mehr...

Dr. Carl Albert Purpus besuchte 1910 auf einer seiner ausgedehnten Pflanzen-Sammelreisen die damals blühende Minenstadt San Rafael. Offensichtlich benutzte er die nahe gelegene Eisenbahnlinie San Luis Potosi - Tampico um von seinem Wohnsitz, der Hacienda Miredor bei Huatusco, Vera Cruz, in diese Gegend zu gelangen. Bereits früher hatte er im Norden Mexikos ähnlich wie hier abgelegene Orte aufgesucht, an denen er u.a. für T.S. Brandegee unbekannte oder seltene Pflanzen aufsammelte. An Purpus' Ausflüge in die Umgebung der Mine erinnern noch heute Namen wie Echeveria lutea Rose, Ferocactus echidne D.C. Britton & Rose (F. rafaelensis J.A. Purpus), Mammillaria dumetorum J.A. Purpus, M. pilispina J.A. Purpus und Pachyphytum oviferum J.A. Purpus. Sein Bruder Joseph Anton berichtet 1911 in der Monatsschrift für Kakteenkunde über Astrophytum myriostigma das Carl Albert in der Nähe von San Rafael und in den Bergen der Sierra de Tablas fand. Es ist eine erstaunliche, kaum erklärbare Tatsache, daß der Fundort Minas de San Rafael nach dem Besuch von Purpus völlig in Vergessenheit geriet (1). Fast ein halbes Jahrhundert lang blieb der Ort verschollen und kein Botaniker oder Pflanzenliebhaber konnte ihn wiederfinden.

Damit wir einen Überblick über das Minengebiet gewinnen, verlassen mein Sohn und ich in Begleitung unserer mexikanischen Freunde die Ruinen im Talkessel und erklimmen einen der angrenzenden 'Cerritos' (2). Die Vegetation wird von offenem Trockenbusch geprägt, der zwischen Kalkgestein mit humosen Einlagerungen wächst. Wir finden zwar Mammillaria candida Scheidweiler, M. depressa Scheidweiler (M. uncinata Zuccarini ex Pfeiffer), M. decipiens Scheidweiler sowie andere Kakteen, jedoch leider keine Astrophyten. Die Formation des Gesteins und dessen Ausblühungen sind auch nicht besonders charakteristisch für die Habitate dieser Gattung. Aber es ist mehr ein Gefühl aufgrund meiner Erfahrungen, das kaum rational begründbar ist. Nach etwa drei Stunden geben wir die vergebliche Suche hier auf und nehmen Purpus 'beim Wort'. Seiner Aussage nach wachsen die Myriostigmen 'in der Nähe' der Mine von San Rafael. Wir verfolgen mit unserem Geländewagen einen für normale PKW's kaum befahrbaren Weg mehrere Kilometer nach Norden in Richtung Sierra el Tablon (3).

Es ist bereits nachmittags, als wir bei wolkenlosem Himmel und gut 30 Grad im Schatten die ersten 'Purpus'- Myriostigmen finden. Auf einem äußerst dicht mit Büschen bewachsenen Hügel sind sie teils im lichten Unterholz der zu dieser Jahreszeit laubfreien Akazien versteckt, vorwiegend stehen sie aber am Rand von Hechtien-Inseln. Sie sind im Habitus nicht von denen bei Charco Blanco, Villar, Cerritos oder der Bahnstation Las Tablas zu unterscheiden. Es sind alle Formen, Rippenzahlen und Beflockungsvarianten innerhalb dieser Population vertreten. Obwohl halbnudale und nudale Astrophytum myriostigma andernorts bevorzugt bei dichtem Bodenwuchs vorkommen, gibt es hier auch einzelne, freistehende Exemplare davon. Sie und die übrigen Pflanzen sind typisch 5 bis 7-rippig, nur wenn sie durch Überweidung von Tieren angefressen sind, zeigen sie vielrippige Sprosse. Beim ihrem Anblick fällt mir die Aussage von Purpus ein, daß die Myriostigmen dieser Gegend 'häufiger in mehrköpfigen Klumpen' wachsen. Es muß also bereits um 1910 eine intensive Weidewirtschaft in den südlichen Ausläufern der Sierra el Tablon gegeben haben.

Astrophytum myriostigma bei der Mine von San Rafael entspricht in Wuchs und Erscheinung den Pflanzen, die Galeotti 1838 bei der Hacienda San Lazaro (4) entdeckte. Schumann nennt in seiner Gesamtbeschreibung der Kakteen in diesem Zusammenhang auch die Hacienda de Penasco in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt San Luis Potosi als Fundort. Hierbei handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Irrtum: Galeotti wohnte zwar 1838 auf diesem Adelssitz. Er sammelte auch in dessen nächster Umgebung tatsächlich Kakteen, aber keine Astrophyten (5). Das südlichste Habitat für Myriostigmen dürfte dennoch etwa auf dieser geographischen Breite, jedoch östlich von Penasco bei Candido Navarro liegen. Leider konnten wir am darauffolgenden Tag die Pflanzen dort nicht finden, obwohl uns genaue Feldaufzeichnungen eines früheren Fundes zur Verfügung standen. Trotzdem war auch das ein unvergesslicher Tag inmitten einer mächtigen Naturkulisse aus Kalkterrassen, eingesäumt von Vulkankegeln.

Wie an allen schönen Orten der Welt, vergeht auch bei San Rafael und in den Bergen der Sierra el Tablon die Zeit viel zu schnell. Mit einer wertvollen Bildersammlung im Fotoapparat und 'im Kopf', aber ohne Pflanzen im Gepäck! geht es über Stock und Stein nach Cd. Juarez. Auf der dort beginnenden ruhigen Fahrt über die Asphaltstraße zurück in die Hauptstadt San Luis Potosi, läßt es sich als Mitfahrer wunderbar von Myriostigmen, alten Minenstädten und historischen Orten träumen.

Anmerkungen und Fußnoten im Artikel:

(1) Dieser Umstand ist deshalb so bemerkenswert, da Britton & Rose 1937 in Band 2 ihres Werkes 'The Cactaceae' auf Seite 183 C.A. Purpus zitieren und u.a. wörtlich schreiben:...The more greenish lower form is abundant in the Sierra La Tabla, near Guascama or Minas de San Rafael, San Luis Potosi... der Ort Guascama ist auf mehreren zeitgenössischen sowie modernen Karten eingezeichnet.

(2) Cerro d.h. Berg; Cerrito d.h. kleiner Berg, Hügel. Die Eisenbahnstation von der aus Purpus vermutlich anreiste, trägt den charakteristischen Namen 'Cerritos'. Auf den Hügeln welche das reizvolle Städtchen tatsächlich umgeben finden sich trotz wilder Müllhalden immer noch wunderschöne Astrophyten.

(3) Die Namensänderung dieses Gebirgszuges nordwestlich von San Rafael von früher Sierra de Tablas (synonym Sierra la Tabla) in das heutige Sierra el Tablon ist wohl auch ein Grund dafür, daß der alte Purpus Standort verlorenging. Die jetzige Bezeichnung findet man nur in sehr speziellem Kartenwerk. Häufig wird die Sierra de Tablas mit der Bahnstation Las Tablas verwechselt, in deren Nähe ebenfalls Myriostigmen wachsen.

(4) Höchstwahrscheinlich der Ort mit dem heutigen Namen San Lorenzo an der Bundesstraße Nr. 57, dessen geographische Lage genau den Schumann'schen Angaben entspricht.

(5) Die Gründung der Hacienda Penasco datiert auf etwa 1600. Sie wechselte mehrfach den Besitzer bis sie 1753 von Francisco de Mora y Luna erworben wurde. Dieser vergrößerte die Hacienda erheblich und verlieh ihr durch seine Ernennung zum Grafen von Santa Maria de Guadalupe de Penasco den endgültigen Namen. Für fast 200 Jahre verblieb die Hacienda in dieser Familie. So traf sie auch Galeotti an, als er um 1830 dort Pflanzen sammelte.

Bilder:

Astrophytum myriostigma, verschiedene Formen, Minas de San Rafael
Überblick über die Mine, survey over the mine
Fundortkarte, habitat map
Übersichtskarte, survey map
Klimadiagramm Cerritos, climate at Cerritos
Hacienda de Penasco

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