HOOCK, H. 1992 . Kakt. and. Sukk. Band: 43 Heft (12) Seite 272-274 Spiralförmige Capricornen

Spiralförmige Capricornen

Wer Astrophytum capricorne (Dietrich) Britton & Rose in seiner mexikanischen Heimat beobachten will, wählt als Ausgangspunkt am besten Saltillo, die Hauptstadt von Coahuila. Von hier aus sind es kurze Wege zu vielen interessanten Standorten, an denen man die Variabilität dieser schönen Pflanzen bewundern kann. Schon am Stadtrand, knapp hinter den Industriebauten von Ramos Arizpe, beginnen ihre Habitate. Rinconada, Fundort der ersten Capricornen durch POSELGER 1851, ist nur eine halbe Autostunde entfernt und Astrophytum capricorne v. minus (Runge & Quehl) Okumura bei General Cepeda läßt sich leicht an einem Nachmittag zu erreichen. Ebenso laden die Berge bei Arteaga zu einem lohnenden Abstecher ein. An der Staatsstraße Nr. 57 von Saltillo nach Monclova schließlich, wird man bis weit in den Norden praktisch an jeder Stelle links und rechts der Fahrbahn fündig. In dieser Gegend sind auch die in diesem Beitrag vorgestellten, spiralförmig wachsenden Astrophyten zuhause.

Schraubenförmig gedrehte Capricornen sind selten und meist das Ergebnis längerer Dürreperioden. Auf die abgebildeten Pflanzen trifft diese Ursache vermutlich nicht zu. Sie stehen gesund und ohne Wassermangel in dem noch weitgehend unberührten Areal inmitten ihrer normalwüchsigen Verwandten. Normalerweise besiedelt Astrophytum capricorne felsiges Gelände an leicht geneigten Hängen. Hier wächst es überraschenderweise in einem flachen, sandigen Arroyo, das von der Autostraße überquert wird. Es besitzt im wesentlichen die Merkmale der Typ-Pflanzen von Rinconada, neigt jedoch stark zur Dornenreduktion. Ausgenommen sprossende Exemplare, sind bei einer Größe bis zu 40 Zentimeter alle vorgefundenen Capricornen achtrippig, mit geradlinig verlaufenden Rippenkanten. Auch vereinzelte tote, ausgetrocknete Individuen auf dem Gelände sind nicht gewendelt. Es liegt also die Vermutung nahe, daß die im Bild vorgestellten Spiralformen Ausdruck individueller Veranlagung sind. Grund dafür dürfte nach BUXBAUM ein von der idealen Blattstellung abweichender Divergenzwinkel sein (s. Diagramme), möglich wäre auch eine innere physiologische Spannung wie sie BILHUBER erwähnt. Aber abgesehen von theoretischen Überlegungen sind es prachtvolle Pflanzen, die allein durch ihre optische Erscheinung einen unvergeßlichen Eindruck auf jeden hinterlassen, der einmal vor ihnen stand.

Bildertexte:

Bild 1
Bei Wassermangel werden Astrophyten oft schmalrippig und beginnen ihr Körpervolumen durch spiralförmige Drehung zu verringern. Man bezeichnet sie dann als sogenannte Hungerformen. Bei dem abgebildeten Astrophytum capricorne trifft diese Ursache vermutlich nicht zu. Es ist für die Standortverhältnisse in einem guten Ernährungszustand.

Bild 2
Normalerweise ist Astrophytum capricorne so dicht von Dornen verdeckt, daß es vom Gras der Umgebung kaum zu unterscheiden ist. Die Pflanzen sind dadurch vor ihren natürlichen Freßfeinden optisch hervorragend geschützt. Anders verhält es sich bei der in diesem Beitrag vorgestellten Population, die stark zur Dornenreduktion neigt. Nur deshalb war es auch möglich, die ausgeprägte Linksspirale der Rippenkanten aus der Sicht von oben eindrucksvoll zu fotografieren.

Bild 3
Dieses etwa 40 Zentimeter hohe Astrophytum capricorne war in seiner Jugend ebenfalls spiralwüchsig, hat sich aber in den letzten Jahrzehnten wieder zu einer fast 'normalen' Pflanze entwickelt. Das Loch in der unteren Körperhälfte (Pfeil) wird von einer Spinne ("Schwarzen Witwe", Latrodectus mactans) bewohnt. Leider entzog sie sich dem Fototermin und wartete die Störung durch den europäischen Eindringling in ihrem ungewöhnlichen Versteck ab.

Literaturauszug:
zur Blattstellung und Rippenbildung

BILHUBER, E. (1933): Beiträge zur Kenntnis der Organstellungen im Pflanzenreich, Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H.Botanisches Archiv 35 (3): 188-250

BUXBAUM, F. (1950): Morphology of Cacti, Abbey Garden Press, Pasadena: 29-33

BUXBAUM, F. in KRAINZ, H. (1957): Die Kakteen, Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart: Morphologie (8), 15.01.1957

CHEASON, D. (1990): Maths and Mamms, Brit. Cact. Succ. Journ. (GB) 8 (3): 81

HOOCK, H. (1990): Astrophytum ornatum (DE CANDOLLE) WEBER am Rio Torre Blanca, Kakt. and. Sukk. 41 (10): 230-232

MINDT, H. (1967): Die Mathematik der Spiralzeilen und das Gesetz optimaler Ästhetik, Kakt. and. Sukk. 18 (10): 184

MINDT, H. (1967): Die Mathematik der Spiralzeilen und das Gesetz optimaler Ästhetik, Kakt. and. Sukk. 18 (9): 162

RAUH, W. (1979): Kakteen an ihren Standorten, Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg: 23-26

SANCHEZ-MEJORADA, H. (1964): Las Matematicas de las Cactaceas, Cact. Suc. Mex. 9 (2): 38-48

SCHUMANN, K. (1897): Über die Anreihung der Warzen in der Gattung Mamillaria, Monatsschrift d. DKG, 7 (8): 113-117

STRASBURGER, E. (1983): Lehrbuch der Botanik, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart/New York; 32. Auflage: 138-144

Texte zur zerstreuten Blattstellung und Rippenbildung

Diagramm 1:
Bei der zerstreuten Blattstellung ist an jedem Knoten nur eine Areole inseriert, wobei die ältere zur nächstjüngeren jeweils um einen bestimmten Winkel verschoben ist. In Diagramm 1 ist die gedachte Verbindungslinie von Knoten zu Knoten als Spirale gezeichnet. Es liegt die sogenannte 2/5 Stellung mit 144 Winkelgraden für Astrophytum myriostigma Lem. zugrunde. In diesem Fall sind zwei Umläufe erforderlich um auf die nächstfolgende Areole derselben Orthostiche (Rippenkante) zu gelangen. Der Zähler des Bruches gibt also die Umläufe, der Nenner die Anzahl der Orthostichen an, die letztlich das Aussehen der Pflanze wesentlich bestimmen.

Diagramm 2:
Bei der idealen 3/8 Blattstellung von Astrophytum capricorne (Dietr.) Br. & R. ergeben sich acht geradlinige Rippen. Die Verbindungslinie von Areole zu Areole ist aus Gründen der Übersichtlichkeit in diesem Diagramm nicht gezeichnet.

Diagramm 3:
Weicht der Bruch auch nur geringfügig vom mathematischen Idealwert 3/8 ab, bilden sich schraubenförmig gedrehte Rippen aus. Die Drehrichtung hängt davon ab, ob der Bruch etwas größer (hier dargestellt: 3/8.01, Rechtsschraube) oder kleiner (z.B. 3/7.99, Linksschraube) ist.

Diagramm 4:
Erhöht man den Bruch 2/5 auf 3/8, 5/13, 8/21, 13/34 usf.- wobei Zähler als auch Nenner der aufeinanderfolgenden Brüche sich jeweils als die Summe der beiden vorangegangenen Zähler bzw. Nenner errechnen (FIBONACCI-Reihe)- so gelangt man zum sogenannten Limitdivergenzwinkel. Er läßt sich annähernd durch den im Diagramm dargestellten Bruch 34/89 charakterisieren und ist bei Mammillarien oder Cephalien von Melokakteen zu finden. Höhere Brüche als 5/13 kommen bei Astrophyten nur in Übergangsstadien zu Cristaten vor, typisch für diese Gattung sind 2/5 und 3/8 Blattstellungen.

Bilder:

Astrophytum capricorne, spiralförmig / spiral formed (1)
Astrophytum capricorne, spiralförmig / spiral formed (2)
Astrophytum capricorne, spiralförmig / spiral formed (3)
Astrophytum capricorne, spiralförmig / spiral formed (4)
Diagramm / diagram 1
Diagramm / diagram 2
Diagramm / diagram 3
Diagramm / diagram 4

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