HOOCK, H. 1992 . Kakt. and. Sukk. Band: 43 Heft (3) Seite 58-63 Das Gold der Sierra Paila: Astrophytum capricorne v. aureum (MOELLER) OKUMURA

Das Gold der Sierra Paila: Astrophytum capricorne v. aureum (MÖLLER) OKUMURA

In den letzten Wochen des Jahres 1990 waren mein Sohn und ich der ehemaligen Wislizenus Route von Santa Fe in New Mexico über El Paso und Chihuahua nach Parras in Coahuila gefolgt (1). Hier planten wir einen Abstecher in die Sierra Paila um einen langgehegten Wunsch zu erfüllen: den Besuch von Astrophytum capricorne v. aureum an seinem heimatlichen Standort. Als ich fünf Jahre vorher in dieser Gegend die Astrophyten studierte, fehlten mir nähere Hinweise über den Fundort der 'Aureen'. Die Angabe 'Sierra Paila' in der Erstbeschreibung von Möller für ein Gebirgsmassiv mit über 150 Quadratkilometer Ausdehnung lokalisiert die Pflanzen leider so genau, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Davon abgesehen ist auch heute noch diese menschenleere Bergwelt verkehrsmäßig völlig unerschlossen. Man fährt auf holperigen, unbeschilderten und in keiner Karte verzeichneten Schotterwegen, ohne Möglichkeit jemanden über die Örtlichkeit befragen zu können. Jedenfalls treffen wir an diesem Januartag weder ein anderes Fahrzeug, noch einen Eselreiter, ja nicht einmal einen der sonst üblichen, streunenden Hunde. Wir sind völlig alleine mit uns und unserem wenig zuverlässigen Leihauto...

Die erste Wegstrecke nach Norden führt uns vorbei am markanten 'El Pilar' (2), einem tafelförmigen Berg. Lastwägen die früher zu den Fluorit-Minen im Canyon Verde häufig verkehrten (3), haben durch ihr Gewicht das Geröll der Fahrbahn verdichtet, sodaß wir überraschend zügig vorankommen. Das Wetter ist windstill und bei etwa 20 Grad Celsius am frühen Vormittag angenehm warm. Mittags allerdings, als sich vereinzelter Bodennebel aufgelöst hat, steigt die Temperatur auf 30 Grad im Schatten! Der Tafelberg ist längst im Rückspiegel verschwunden, als wir auf kurviger Strecke die südlichen Ausläufer der Sierra erreichen. Es ist das frühere Land der wilden Lipan Indianer (4). Noch vor 145 Jahren terrorisierten sie mexikanische Ansiedlungen bis Parras hinunter, wie Wislizenus als Augenzeuge berichtet. Obwohl nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet, waren sie gefürchtete Krieger. Sie scheuten sich häufig nicht ihren 'Besuch' vorher anzukündigen, damit die Bewohner der Hacienda El Pozo die Wassertränke für ihre Pferde rechtzeitig füllten. (5)

Gegen 11 Uhr Mittag haben wir unser Ziel erreicht. Schon einige Zeit begleiten uns flache, graue Kalksteinformationen und die charakteristische Chihuahua-Wüstenflora. Ihre Erscheinungsform wird hier vorwiegend durch die immergrünen Gobernadora Büsche geprägt. Mesquite Bäume sind kaum zu sehen, dagegen finden sich vielfach blattlose, gezahnte Ocotillo-Gerten in ihrer auffälligen, tütenförmigen Wuchsform. Nur Yucca carnerosana (Trel.) McKelvey übertrifft sie beträchtlich an Höhe. Kleinere Exemplare könnte man aus größerer Entfernung mit Personen verwechseln, die einsam und regungslos in der Gegend stehen. Das Gelände ist sehr gut zu begehen, mit griffigen Felsplatten und angenehm vegetationsfreien Zwischenräumen im lockeren Trockenbusch. Wie an allen Astrophytum-Standorten Coahuilas fehlen auch hier nicht Agave lechuguilla Torrey, die 'Auferstehungspflanze' und das 'Drachenblut' (10). Gleichhäufig wachsen Hechtia spec. sowie Euphorbia antisyphilitica Zuccarini. Am eindruckvollsten sind jedoch die silbergrauen Inseln von Opuntia bradtiana (Coulter) Britton & Rose, die mich ständig an die Landschaft im Bolson von Cuatro Cienegas erinnern. Weniger auffällig, aber in schönen Exemplaren finden sich Thelocactus rinconensis (Poselger) Britton & Rose (syn. Th. lophothele), Glandulicactus uncinatus (Galeotti) Backeberg (syn. Sclerocactus uncinatus), Lophophora williamsii (Lemaire ex Salm-Dyck) Coulter und Gruppen von Mammillaria pottsii Scheer ex Salm-Dyck (syn. M. leona). Die Bodenflora bis Kniehöhe wird optisch dominiert von graugrünen bis leuchtendgelben getrockneten Gräsern. Es war mir zwar bewußt, daß sich Astrophytum capricorne v. aureum mit seinen goldgelben Dornen hier 'versteckt' aber die Wirklichkeit übertrifft dann doch alle Vorstellung! Die Einpassung ist so perfekt, daß ich viele Grasbüschel als vermeintliche 'Aureen' zärtlich abklopfe.

Astrophytum capricorne v. aureum wächst hier mit kugeliger bis zylindrischer Form einzeln, teilweise auch in kleineren Gruppen. Es erreicht bei einem Körperdurchmesser bis zu 15 cm etwa 35 cm Höhe. Auf der blaugrünen Epidermis sind nur selten Flocken vorhanden. Leider sind auch viele tote und kranke Pflanzen anzutreffen. Man erkennt letztere an der kräftig pupurroten Färbung, meist ein Ergebnis großen Wassermangels. Erstaunlich ist auch die große Anzahl verletzter Exemplare, die dann durch Sprossung mehrköpfig weiterwachsen. Wenn die Ursache Wildverbiß ist, müssen die Tiere die Mimese der Aureen offensichtlich besser durchschauen als ich! Wie schon erwähnt besteht sie in der Nachahmung von getrocknetem Gras durch die Dornen. Diese sind im Scheitel goldgelb, im übrigen Körperbereich durch Witterungseinfluß aschgrau. Sie umgeben die Pflanze so dicht, daß der Körper nur ausnahmsweise zu sehen ist. Pro Areole lassen sich bis zu 20 Dornen zählen. Sie sind im Querschnitt runder wie diejenigen des Capricorne-Typs und erstaunlich starr und stechend obwohl sie einen so weichen, nestartig verflochtenen Eindruck vermitteln.

Erste literarische Hinweise über dieses 'Gold' der Sierra Paila stammen von Ochoterena 1922. Er unterscheidet sie vom damals schon über 70 Jahre lang bekannten Astrophytum capricorne (Dietr.) Britton & Rose durch die zahlreichen Dornen und die fehlenden Wollflocken. Der vorgeschlagene Name Astrophytum capricorne v. occidentalis (11) wurde von Heinrich Möller bei seiner Erstbeschreibung 1925 nicht übernommen. Er fand weniger das Vorkommen nördlich der Wüste von Mayran charakteristisch, als die beeindruckenden, goldgelben Dornen. Kurz vor ihm, ebenfalls 1925, zitierte A.V. Fric im Zusammenhang mit der Erstbeschreibung seines 'Astrophytum senile' ebenfalls die 'Aureen' unter Hinweis auf Ochoterena (12). Er sah sie nicht als Varietät zum Senile, wie das später Backeberg lediglich aufgrund morphologischer Ähnlichkeit und ohne Standortkenntnisse tat (13). Aus arealgeographischen Überlegungen und dem fast identischen Bau des Blüteninneren mit Astrophytum capricorne v. niveum (Kayser) Okumura muß man Astrophytum capricorne v. aureum als hochabgeleitete Nachkömmlinge dieser Gruppe auffassen. Astrophytum capricorne v. senile steht verwandtschaftlich dem Capricorne-Typ näher und hat in seiner Evolution konvergent ein ähnliches Aussehen wie die Aureen entwickelt (14).

Die Astrophyten in der Sierra Paila leben in einem sehr trockenen, heißen Klima mit vorwiegend sommerlichen Regenfällen. In den Wintermonaten erreichen die Niederschläge kaum 10 mm im Januar bei durchschnittlichen Tagestemperaturen um 20 Grad Celsius. Der Temperaturgang kann in dieser Jahreszeit extrem sein. Während nachts gelegentlich der Gefrierpunkt erreicht wird, sind tagsüber Temperaturen bis 35 Grad Celsius im Schatten nicht selten.

Leider ist die Zeit an diesem schönen Ort im ehemaligen Reich der Lipan Indianer viel zu schnell zu Ende. Auf der Rückfahrt zu unserem Hotel versuchen wir Astrophytum capricorne v. aureum nach einer älteren Literaturangabe von K. Schreier (1972) an der Verbindungsstraße Saltillo-Torreon zu finden. Dies gelingt nicht, doch statt dessen entdecken wir ein noch unbekanntes Habitat von Astrophytum capricorne v. minus (Runge & Quehl) Okumura. Zurück in Parras ziehen mächtige, dunkle Wolken am nächtlichen Himmel auf. Und dann ereignet sich das, was im Winter hier so selten ist: unter Blitz und Donner prasselt schwerer Regen auf die trockene Landschaft.

Fußnoten und Anmerkungen im Text:

(1) Frederick Adolphus Wislizenus, gebürtig in Deutschland, emigrierte aus politischen Gründen in die Schweiz, wo er Medizin studierte. Er übte seinen Arztberuf zunächst in Zürich, Paris und New York aus und schloß sich später bis 1846 in St. Louis der Praxis von Dr. George Engelmann an. Von hier aus unternahm er eine Expeditionsreise die ihn schicksalhaft vom 4. Mai 1846 bis 8. Juni 1847 von Independence nach Santa Fe, El Paso über Chihuahua nach Coahuila verschlug. Seine genauen Naturbeobachtungen und Pflanzensammlungen trotz der widrigen Umstände mitten im amerikanisch-mexikanischen Krieg, haben seine Reise berühmt gemacht. Dies ist aber auch ein literarisches Verdienst seines Kollegen Dr. George Engelmann, der eine Reihe von Erstbeschreibungen der Wislizenusfunde veröffentlichte.

(2) 'El Pilar' bedeutet etwa 'Pfeiler', 'Wegweiser'.

(3) Fluorit (Flußspat) ist ein Hauptabbauprodukt dieser Gegend. Aber es gab auch vereinzelte Goldminen, vor allem im Norden der Sierra Paila, etwa bei Casa Colorada.

(4) Vermutlich aus dem Stamm der Tamahuara.

(5) Am 11. Mai 1847 wurde ihnen diese Unverfrorenheit allerdings zum Verhängnis. Sie gerieten in den Hinterhalt einer texanischen Militäreinheit, die sich auf dem Weg zu General Wool bei Buena Vista befand. Dreißig Lipians wurden getötet. Nur wenige konnten zurück in die Sierra de los Alamitos und Sierra Paila entkommen.

(10) Jatropha dioica Cervantes, von den Einheimischen 'Sangre de drago' genannt, scheidet an Schnittflächen der fingerstarken Triebe einen zunächst wasserklaren Saft aus. Wenige Minuten später färbt er sich rosa bis kräftigrot.

(11) 'occidentalis', d.h. 'westlich' unter Anspielung auf die mehr östlichen Standorte des Rinconada Typs der Erstbeschreibung. Leider sind in der Veröffentlichung von Ochoterena mehrere Druckfehler enthalten, die 'occidentalis' und 'orientalis' vertauschen, so z.B. bei der Bildbeschreibung eines 'normalen' Capricorne auf S. 113. Dies führte offensichtlich zum Namenswirrwarr bei Fric, der 1925 in seiner Erstbeschreibung des Astrophytum senile von 'Astrophytum capricorne v. minor oder orientalis Ochoterena' in der Nähe von Saltillo spricht.

(12) Nach Sadovsky (1951) hat Fric das Aureum ein Jahr vor Möller, also 1924(??) beschrieben. Diese Aussage ist unbelegt. Siehe hierzu auch die Anmerkung zur Namensgebung 'orientalis'.

(13) Bei seiner Umkombination 1937 bezeichnet er das Aureum völlig unverständlich als 'unbeschrieben', obwohl er im selben Satz Möller als Autor zitiert. Der gesamte Text besteht lediglich aus folgenden Worten: 'Astrophytum senile v. aureum Möll., fast unbeflockt bis kahl, Stacheln strohgelb (Coahuila). Unbeschrieben, von Berger als Varietät genannt; gute Art'

(14) Das Niveum kann man nicht nur wegen seiner nördlichen geographischen Lage, sondern auch aufgrund verschiedener, konservativer morphologischer Merkmale als das Capricorne betrachten, das die evolutiv ältesten Kennzeichen des Capricorne-Aggregates aufweist. Zweifelsfrei stellt die nudale Form des Niveum in der Sierra Ovejas und Sierra de Anteojo eine höher angepaßte Ableitung dar. Das Aureum ist von letzterem eigentlich nur durch die hochspezialisierten Dornen verschieden und hat auf seinen Wanderungen nach Süden über die Sierra Purisima zur Sierra de los Alamitos und Sierra Paila völlig artreine, erbkonstante Formen entwickelt. Seine Ausgangsform, das nudale Niveum, ist an seinen Heimatstandorten mischerbig bezüglich Beflockung und Bedornung (s. hierzu Verbreitungskarten).

Bilder- und Kartentexte

Bild 01
An den Hängen des 'El Pilar' bei Est. Marte konnte man früher dichtbedornte Astrophytum capricorne (Dietr.) Britton & Rose bewundern, heute ist auch dieser Fundort von europäischen Kakteentouristen fast leergesammelt. Trotz seiner vulkanartigen Erscheinung besteht der Tafelberg aus horizontal gelagerten Kalksedimenten und nicht aus Eruptivgestein. Sein Plateau ist bretteben.

Bild 02
Die Trockenbusch - Sukkulentengemeinschaft am Standort von Astrophytum capricorne v. aureum in der Sierra Paila. In den oberen Regionen der Flora dominieren immergrüne 'Gobernadora'-Büsche und 'Ocotillo'-Gerten, bis Kniehöhe herrschen Agave lechuguilla sowie verschiedene Gräser vor. Typischer Kakteenvertreter ist Opuntia bradtiana (Coulter) Brandegee.

Bild 03
Das zwischen Agave lechuguilla und Euphorbia antisyphilitica wachsende Astrophytum capricorne v. aureum entwickelte nach einem Wildverbiß mehrere Sprosse. Die Dornen umflechten den Kakteenkörper im oberen Teil lückenlos. Ihrer charakteristisch goldgelben Farbe verdanken die Pflanzen auch ihren Namen 'aureum' d.h. 'goldfarbig'.

Bild 04
Normalerweise wächst Astrophytum capricorne v. aureum optisch getarnt im gelben Gras seiner Heimat, dieses Exemplar ist ausnahmsweise sehr gut sichtbar. Wie die eingerollte 'Auferstehungspflanze' neben ihm leidet es unter großem Wassermangel und seine Epidermis, normalerweise dunkelgrün, ist purpurrot verfärbt. Es besitzt vergleichsweise starre, wenig gebogene Dornen. In der unteren Körperpartie sind sie mechanisch bestoßen.

Karte 01
Ausgehend von Astrophytum capricorne v. niveum in der Sierra de Anteojo läßt sich eine zunehmende Spezialisierung der Mimese verwandter Pflanzengemeinschaften nach Süden feststellen. Astrophytum capricorne v. aureum ist mit seinen goldgelben Dornen vermutlich in der Sierra Paila der am höchsten entwickelte Vertreter.

Karte 02
Situation zur Fundortkarte für Astrophytum capricorne v. aureum. Der markierte Ausschnitt deckt sich etwa mit den wichtigsten Schauplätzen im amerikanisch-mexikanischen Krieg von 1846-1848, an denen Wislizenus als Militärarzt Augenzeuge wurde. Näheres siehe Text.

Literaturauszug:

BACKEBERG, C. (1937): Astrophytum senile FRIC var. aureum MÖLL., Blätter f. Kakteenforschung Jg. 1937-2 :

BERNHARD, U.; HOOCK, H. (1986): Die Astrophyten von Cuatro Cienegas, Kakt. and. Sukk., 37 (7): 141-147

FRIC, A. V. (1925): Rod Astrophytum, Zivot v Prirode 29 (10): 33-35

HOOCK, H. (1988): Schutz der Nektarkammer bei Astrophytum-Blüten, Kakt. and. Sukk. 39 (3): 58-61

HOOCK, H. (1990): Astrophytum capricorne v. senile (FRIC) OKUMURA - Fortsetzung aus Heft 2/90, Kakt. and. Sukk. 41 (3): 56-60

HOOCK, H. (1990): Pa jagt efter Astrophytum i Bolson de Cuatro Cienegas, Kaktus (Nordisk Kaktus Selskab), 25 (3): 51-54

KUNDELIUS, J. (1981): Astrophytum senile FRIC, Kaktusy Sukulenty 2 (4): 82

MÖLLER, H. (1925): Echinocactus capricornus DIETR. und seine Varietäten, Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 2 (7): 127-129

MÖLLER, H. (1927): Beobachtungen an Astrophyten, Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 3 (3): 52-55

NEUTELINGS, T. (1981): Wat denk U van ... (14) - Astrophytum senile FRIC, Succulenta 60 (6): 125-127

OCHOTERENA, I. (1922): Las Cactaceas de Mexico, Universidad Nacional Autonoma de Mexico : 110-113

SADOVSKY, O. (1951): Bemerkungen zur Gattung Astrophytum LEM. (Schluß), Mitteilungen der SKG 10 (9): 33-34

SCHÜTZ, B. (1973): Astrophytum senile und aureum, Kakteen-Sukkulenten (DDR) 8 (4): 59-62

WISLIZENUS, A. (1848): A Tour to Northern Mexico, Rio Grande Press Inc., New Mexico: 1-141

Bilder:

Tafelberg, El Pilar, Coahuila
Pflanzengemeinschaft Sierra Paila, accompanied plants
Astrophytum capricorne v. aureum, drei Pflanzen, three plants
Astrophytum capricorne v. aureum, rote Epidermis, red skin
Verbreitungskarte (1), habitat map
Verbreitungskarte (2), habitat map

Artikel
articles
Startseite / home