HOOCK, H. 1990 . Cact. Succ. Journ. (US) Band: 62 Heft (6) Seite 267, 271 Capricorne on a stick


Capricorne am Stiel

Für die Sämlingspfropfung bei den Kakteen wird auch heute noch gerne Pereskiopsis BR. & R. als Unterlage verwendet. Unter optimalen Bedingungen erzielt man damit innerhalb Jahresfrist blühfähige Pfröpflinge. Spätestens im Alter von 2 bis 3 Jahren nimmt man im allgemeinen das Reis dann ab und bewurzelt es zur Weiterkultur.

Bei der im Bild vorgestellten Pflanze handelt es sich um ein Astrophytum capricorne (DIETR.) BR. & R. das ich vor fünfzehn Jahren als stecknadelkopfgroßen Keimling auf eine Pereskiopsis velutina R. pfropfte. Die Entwicklung des Astrophytum war so prächtig, daß ich es Jahr um Jahr verschob es abzunehmen. Heute besitzt die Pflanze einen Durchmesser von 16 Zentimeter und ein solcher Eingriff ist mir zu riskant. Die bleistiftstarke Pereskiopsis ist zwischenzeitlich verholzt, erfüllt aber ihre Aufgabe noch wie am ersten Tag. Das Capricorne auf der Spitze steht auch nach diesem langen Zeitraum seine gleichaltrigen, wurzelechten Geschwister an Schönheit der Bedornung und Körpergröße nicht nach. Es bringt mehrfach im Jahr prächtige, goldgelbe Blüten, die am ersten Tag der Anthese einen herrlichen Duft ausströmen.

In Deutschland hat diese Technik des Pfropfens eine lange Tradition. So berichtet der zu seiner Zeit bekannte Kakteensammler R. MEYER schon 1918 in einem Artikel der "Monatsschrift für Kakteenkunde" über Kakteen die vor der Jahrhundertwende auf Pereskia (1) kultiviert wurden. Sinngemäß schreibt er unter anderem: "...Ganz besonders möchte ich aber noch die säulenförmig gewachsenen Exemplare der Echinopsis tubiflora ZUCC. in noch typenreiner Form erwähnen und vor allem eine auf Peireskia gepfropfte, verlängert kugelförmig gewachsene Echinopsis eyriesii ZUCC. von wohl ca. 40 cm Höhe und 25 cm Durchmesser, welche einen ganz originellen Anblick gewährte, dessen sich die ältesten Kakteenfreunde wohl noch gewiss erinnern werden. Das Exemplar wurde, da es sich sonst nicht auf der äusserst dünnen Unterlage hätte halten können, an vier Seiten durch Stäbe gestützt und gehalten und schwebte über der sie ernährenden Peireskia wie ein Ballon. Es hatte jedenfalls lange Jahre in dieser Stellung in Anbetracht seiner Grösse zugebracht und dürfte unter anderem den Beweis liefern, dass Pfröpflingen, entgegen anderen Meinungen, auch eine lange Lebensdauer beschieden sein kann...".

Über Sinn und Unsinn des Pfropfens ist viel diskutiert worden. Bei meinen eigenen Arbeiten mit den Astrophyten verwende ich diese Technik eigentlich nur um bei Kreuzungsexperimenten Zeit zu gewinnen, aber auch um chlorophyllgeschädigte Sämlinge zu retten. Vielfach stelle ich dabei fest, daß Pereskiopsis oder Cereus jusbertii REB. (Eriocereus jusbertii (REB.) RICC.) als Unterlage die Entwicklung atavistischer Merkmale des Pfröpflings fördern. So zeigt beispielsweise Astrophytum coahuilense (MÖLL.) KAYS. (2) vor seiner Blühfähigkeit oft kurze, tiefschwarze Dornen.

Als Dauerunterlage sollte man Pereskiopsis nicht verwenden, obwohl die obigen Ausführungen das Gegenteil zu beweisen scheinen. Solche Gebilde "Kaktus am Stiel" sind zum einen wenig ästhetisch, zum anderen bevorzugt Pereskiopsis eine relativ hohe Überwinterungstemperatur und gesteigerte Luftfeuchtigkeit. Leider ist diese Pfropfunterlage auch etwas launisch in ihrem Verhalten: es gibt Zeiten in denen der Pfröpfling geradezu explosionsartig wächst, dann wiederum stagniert er aus unbekannten Gründen jahrelang. Wer Astrophyten pfropft, aus welchen Gründen auch immer, ist mit Cereus jusbertii als Unterlage gut beraten. Soll die Entwicklung eines Pfröpflings in besonders ruhigen Bahnen verlaufen oder soll er gar dauernd auf der fremden Unterlage bleiben, kann vorteilhaft auch Echinopsis oder sogar Astrophytum myriostigma LEM. verwendet werden. Die Lebenserwartung solcher Astrophyten beträgt dann mehrere Jahrzehnte.

(1) R. MEYER verwendet die damals noch übliche Schreibweise "Peireskia" Karl SCHUMANN`s für die später durch BRITTON & ROSE ausgegliederte Gattung Pereskiopsis
(2) Im englischen Sprachraum und in Mexiko betrachtet man diese Pflanzen oft als rotschlundige Varietät von Astrophytum myriostigma LEM. In der deutschen Systematik sind sie allgemein als selbständige Art anerkannt.


Literatur:

BACKEBERG, C. (1970 ): Das Kakteenlexikon, Enumeratio diagnostica Cactacearum, Gustav Fischer Verlag, Jena : 14-15

BRITTON, N. L.; ROSE, J. N. (1937 ): The Cactaceae - Descriptions and Illustrations of Plants of the Cactus Family, Carnegie Inst. of Washington : 8, 25-30

MEYER, R. (1918 ): Aus der Jugendzeit, Monatsschrift f. Kakteenkunde 28 (9): 97-98

SCHUMANN, K. (1903 ): Gesamtbeschreibung der Kakteen, Monographia Cactacearum, 2. ed. mit den Nachträgen von 1898-1902, J. Neumann Verlag, Neudamm : 754-760

Bild:
Astrophytum capricorne, gepfropft, in Blüte

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