HOOCK, H. 1990 . Kakt. and. Sukk. Band: 41 Heft (10) Seite 230-232 Astrophytum ornatum (DE CANDOLLE) WEBER am Rio Torre Blanca

HOOCK, H. 1990 . Aztekia Band: 13 Heft Seite 28-29, 62-63 Astrophytum ornatum (De Candolle) Weber u Rio Torre Blanca

HOOCK, H. 1998 . Cactussen (Belgien) Band: 11 Heft (3) Seite 41-45 Tijdschrift voor Liefhebbers van Vetplanten Kamerplant Astrophytum ornatum (de Candolle) Weber aan de Rio Torre Blanca


Astrophytum ornatum (DE CANDOLLE) WEBER am Rio Torre Blanca

Das Areal der mexikanischen Bundesstaaten Hidalgo und Querétaro wird hauptsächlich durch den Rio Moctezuma und seine Nebenflüsse entwässert. Dieses weitläufige Stromgebiet ist auch die Heimat von Astrophytum ornatum, das sich entlang der Wasserläufe ausgebreitet hat. Seine südlichsten Standorte mit den schon 1828 durch DE CANDOLLE beschriebenen Typ-Pflanzen finden sich am Rio Venados. Nordöstlich davon am Rio Amajaque, sowie am Rio Tula und Rio Moctezuma selbst, wächst die schöne, gelbbedornte Varietät "Mirbelii". Wer von San Juan del Rio aus die Staatsstraße 120 in Richtung Jalpan nach Norden benutzt, überquert kurz vor einer imposanten Paßfahrt den Rio Torre Blanca (1), einen linken Nebenfluß des Moctezuma. An dessen steilen Barrancas entwickelte sich eine weitere Ornatum-Population, die durch spiralförmige Wuchsformen auffällt (Bild). Der Kunstmaler und spätere Kakteenexporteur Ferdinand Schmoll aus Cadereyta hat in den Dreißiger Jahren ein prächtiges Exemplar vermutlich aus dieser Gegend als "Astrophytum espiralis" in seinem Verkaufskatalog werbewirksam abgebildet.(2)

Das erwähnte Habitat ist noch heute völlig intakt und von Kakteensammlern praktisch ungestört. Der Pflanzenbestand ist teilweise so dicht, daß man nur wenige Schritte benötigt um von einer Gruppe dieser eindrucksvollen Kakteen zu einer anderen zu gelangen. Die Ornaten besitzen hier eine extrem variable Bedornung bezüglich Stärke, Länge, Zahl und Farbe. Sie wachsen eher gedrungen im Vergleich zu ihren Verwandten im Süden und schon in den ersten Jahren der Blühfähigkeit sind sie weitgehend flockenfrei. Aber wie schon erwähnt sind die links oder rechts gedrehten Körper vieler dieser Astrophyten ein besonders dominantes Merkmal.

Vereinzelt findet man Schraubenformen in der Gattung Astrophytum bei allen Arten (3). Meist sind es aber sogenannte Hungerformen: bei Wassermangel bilden solche Individuen zunächst dünne Rippenkanten aus, die sich schließlich beim weiteren Schrumpfen spiralig wendeln. Die Gegend am Rio Torre Blanca ist eine der niederschlagsärmsten in Querétaro, wofür auch das Fehlen von Jungpflanzen am Standort spricht (4). Unter diesem Gesichtspunkt ist es zunächst nicht verwunderlich, hier die Spiralformen häufiger anzutreffen. Aber eine genauere Untersuchung des Habitates im Winter 1985 weckte bei mir doch erhebliche Zweifel daran, daß dies die einzige Ursache ist. Neben den "Hungerkünstlern" fanden sich nämlich auch wohlernährte Ornaten mit dicken, breiten Rippen. Manche Pflanzen setzen fast spontan mit dem Schraubenwuchs ab einer gewissen Höhe ein, andere aber sind von Anfang an gewendelt. Sollte diese auffällige Ornatum-Population am Rio Torre Blanca bereits eine genetisch fixierte Tendenz zum Spiralwuchs besitzen? Mit etwas Glück konnte ich damals an verschiedenen Standorten von Astrophytum ornatum reife Samen noch rechtzeitig vor den Ameisen abernten. Die heute vierjährigen Sämlinge verstärken die Vermutung einer vererbten Anlage.

Alle Jungpflanzen wurden selbstverständlich gemeinsam unter denselben Kulturbedingungen in meinem Gewächshaus gepflegt. Im Gegensatz zu Ihren Eltern im fernen Mexiko bekommen sie aber ausreichend Wasser während der Wachstumszeit von April bis Oktober, so daß Trockenheit als Ursache für einen Spiralwuchs sicher ausgeschlossen ist. Vergleicht man die Venados-, Moctezuma- und Vizarronsämlinge mit denen vom Rio Torre Blanca, fallen letztere wegen ihrer besonders stark gedrehten Rippen und der nudalen Epidermis auf. Zwar bilden mit Ausnahme des Mirbelii-Typs alle Sämlinge die Rippenkanten aus dem Vegetationsscheitel heraus zunächst schraubenförmig aus5, aber nur die Rio Torre Blanca Pflanzen behalten diese Eigenschaft auch an den unteren Körperpartien. Möglicherweise stellen sie einen evolutiv moderneren Bautyp dar, der aufgrund der Verkürzung der vegetativen Phase den Spiralwuchs beibehalten hat (vergl. BUXBAUM 1963).

Als Ursache für den Spiralwuchs von Astrophytum ornatum dürften geringfügige Abweichungen von der idealen 3/8 Blattstellung verantwortlich sein6. BILHUBER vermutet allerdings für erwachsene Pflanzen eine innere physiologische Spannung anstelle dieses Mechanismus. Wie dem auch sei, die Ornaten am Rio Torre Blanca entwickelten mit der Schraubenform eine spezifische Anpassung an ihren Lebensraum. Dadurch können größere Individuen auch bei langjähriger Trockenheit ohne Schaden überdauern. Sie verringern ihre Körper- und damit Verdunstungsoberfläche indem sie spiralförmig schrumpfen und "entwickeln" sich im wörtlichen Sinn wieder wenn der Regen fällt.

Abbildungen spiralförmiger Astrophyten in der Literatur
(Auszug)

Astrophytum asterias: SATO, T. (1978)
Astrophytum coahuilense: KRÄHENBÜHL, F. (1975)
Astrophytum capricorne:
Astrophytum myriostigma: KAYSER, K. (1932); GILKEY, J. E. (1944)
Astrophytum ornatum: SCHUMANN, K. (1903); SCHMOLL, F. (1934); KRAINZ, H. (1965)

Bildtexte im Artikel:
Bild 1:
Spiralförmig gedrehte Rippen findet man in der Gattung Astrophytum vor allem bei Pflanzen die an Wassermangel leiden. Das abgebildete Astrophytum ornatum am Rio Torre Blanca ist jedoch gut ernährt. Vermutlich ist seine Wuchsform bereits erblich fixiert.

Bild 2:
Für die interessanten, gewendelten Wuchsformen von Astrophytum ornatum wurden durch Amateure , Kakteenhändler und Botaniker immer wieder neue Namen erfunden. Der Sammler SCHWARZ, Mexiko, bot sie früher beispielsweise in seinem Katalog als die Varietät "Spirale" an.

Bild 3:
Die Aufnahme zeigt ein sehr hell bedorntes "Wendel-Ornatum" bei Peñamiller am Rio Torre Blanca. Die Epidermisflecken sind in dieser Population häufig und dürften auf eine Virusinfektion zurückzuführen sein.

Text zum Klimadiagramm:
Das Klimadiagramm der Wetterstation Peñamiller zeigt, daß die jährlichen Niederschlagsmengen dort kaum mehr als 500 mm erreichen. Der Regen fällt hauptsächlich in den Monaten Mai bis Oktober mit deutlichen Maxima im Juni und September, ähnlich wie in Metztitlan am Rio Venados (Quelle: Carta de Climas, Instituto de Geografica, UNAM Mexico, Enero 1970).

Literatur:
BERNHARD, U. (1987): Astrophytum ornatum (DE CANDOLLE) WEBER in der Barranca von Metztitlan, Kakt. and. Sukk. 38 (10): 234-237

BILHUBER, E. (1933): Beiträge zur Kenntnis der Organstellungen im Pflanzenreich, Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H.Botanisches Archiv 35 (3): 188-250

BUXBAUM, F. (1963b): Die Kakteenblüte und das "Gesetz der Verkürzung der vegetativen Phase", Kakt. and. Sukk. 14 (1): 2-5

BUXBAUM, F. (1963c): Die Kakteenblüte und das "Gesetz der Verkürzung der vegetativen Phase" (Schluß), Kakt. and. Sukk. 14 (2): 22-25

FITTKAU, H. W. (1979): Astrophytum ornatum (DE CANDOLLE) WEBER, Kakt. and. Sukk. 30 (4): 97-98

HEGSTROM, R. A.; KODEPUDI, D. K. (1990): Händigkeit im Universum, Spektrum d. Wissenschaft (3): 56-67

HOOCK, H. (1989e): A Beautiful Cristate of Astrophytum ornatum, Brit. Cact. Succ. Journ. (GB) 7 (2): 49-50

KRÄHENBÜHL, F. (1960): Astrophytum ornatum DC. (1828), Kakt. and. Sukk. 11 (3): 42-44

MEYRAN, J. (1971): Las Cactaceas del Estado de Querétaro, Cact. Suc. Mex. 16 (1): 18-22

MIQUEL, F. W. A. in SCHLECHTENDAL, D. F. L. (1838): Echinocactus holopterus MQ., Linnaea 12: 2-3

SCHEIDWEILER, M. J. (1838): Echinocactus tortus, Bulletins de l'Academie Royale des Sciences et belles-lettres de Brux. 5: 493

SCHMOLL, F. (1934): List of Cacti Plants, (Firmenkatalog): 1-5

Anmerkungen und Fußnoten:
(
1) KRAINZ (1961) und SADOVSKY (1980) erwähnen ein Vorkommen von Astrophytum ornatum in Ost-Guanajuato und beziehen ihre Information offensichtlich von einem Briefwechsel mit F. SCHMOLL aus dem Jahr 1936/37. Es ist durchaus möglich, daß diese Aussage zutrifft, obwohl sie seither leider durch keine weitere Feldbegehung bestätigt wurde. Entlang der Ufer des Rio Torre Blanca könnten die Ornaten bis in sein Quellgebiet im Osten von Guanajuato vorgedrungen sein.

(2) Erste Kunde von gedrehten Rippen bei Astrophytum ornatum stammt allerdings schon aus dem Jahr 1838. Damals beschreiben MIQUEL und SCHEIDWEILER unabhängig voneinander in verschiedenen Publikationen solche Pflanzen als "Echinocactus holopterus" bzw. "Echinocactus tortus" (tortus = gewunden) ohne zu wissen, daß es sich bereits um Synonyme zum "Echinocactus ornatum" von DE CANDOLLE handelt (MIQUEL: "...costo octo...spiraliter sinistrorsum..."; SCHEIDWEILER: "...costis compressis spiraliter tortis...").

(4) Die Niederschlagsmengen erreichen dort auch in regenreichen Perioden kaum mehr als 500 mm jährlich (s. hierzu MEYRAN 1971)

(5) Bei einer statistisch ausreichend großen Zahl von Individuen beobachtet man annähernd gleich viele Links- und Rechts-Spiralen. Von insgesamt 460 unter diesem Gesichtspunkt ausgezählten Astrophyten sind in meiner Sammlung 236 links und 224 rechts herum gewendelt.

(6) Astrophytum ornatum besitzt die zerstreute Blattstellung (Dispersion), wobei achtrippige Exemplare eine Divergenz von 135 Grad nach der sog. SCHIMPER-BRAUNschen Hauptreihe aufweisen. Der botanisch interessierte Leser sei auf die grundlegenden Ausführungen in STRASBURGER (1983) Lehrbuch der Botanik, Gustav Fischer Verlag Stuttgart, S. 138 ff verwiesen.

Bilder:
Astrophytum ornatum (1)
Astrophytum ornatum (2)
Sämlinge
Klimadiagramm

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