HOOCK, H. 1990 . Kaktus (Nordisk Kaktus Selskab) Band: 25 Heft (3) Seite 51-54 Pa jagt efter Astrophytum i Bolson de Cuatro Cienegas (Auf Astrophytensuche im Bolson de Cuatro Cienegas)
Auf Astrophytensuche im Bolson de Cuatro Cienegas
Zu den besonders eindrucksvollen Landschaftsbildern der Chihuahua-Wüste gehören neben den Steinsteppen (1) die geschlossenen geologischen Beckenformationen. Sie werden von Gebirgszügen gebildet, die oft ausgedehnte Ebenen und Senken so umschließen, daß ein natürlicher Wasserabfluß nicht möglich ist. In Mexiko nennt man sie deshalb charakteristisch "bolson", was soviel wie Tasche oder Beutel bedeutet. In der Abgeschlossenheit dieser Gegenden herrschen meist Trockengebiete vor, aber es entstehen auch kleinere Sumpfgebiete und Lagunen. In solchen ökologischen Nischen entwickelte sich manchmal eine völlig eigenständige, endemische Fauna und Flora. Besonders berühmt hierfür ist das Bolson de Cuatro Cienegas in Nord-Coahuila. Es umfaßt etwa eine Fläche von 500 Quadratkilometer und wird durch die Berge der Sierra Anteojo, Ovejas, Purisima, San Marcos und La Fragua umgeben, die aus der Beckenebene mit 600 Meter üNN über 2000 Meter (2) hoch emporragen. Die Sierra de San Marcos teilt das Bolson in Nord-Südrichtung fast vollständig. An ihrem nördlichen Ende, einem wenige Kilometer breiten, ebenen Verbindungsstück zwischen dem östlichen und westlichen Beckenteil, liegt die Kleinstadt Cuatro Cienegas (3). Sie war im Dezember 1985 mein Ausgangspunkt für eine mehrtägige Suche nach Astrophytum capricorne v. niveum (KAYSER) OKUMURA.
Astrophytum capricorne v. niveum wurde bereits um 1930 von W. VIERECK in dieser Gegend entdeckt, wenige Jahre später von K. KAYSER als neue Varietät "Echinocactus capricornis v. niveus" (4) beschrieben und als besondere Rarität in europäischen Spezialsammlungen gepflegt. Es unterscheidet sich von dem seit 1851 bekannten Astrophytum capricorne (DIETRICH) BRITTON & ROSE vor allem durch besonders kräftige, kantige Dornen. An freien Standorten ist es dichtweiß beflockt. Im Gegensatz zum normalen Capricorne sind auch die Flocken im Neutrieb der Pflanzen reinweiß, während jene braune Flocken im Scheitel besitzen. Nach einem kugelförmigen Jugendstadium wächst Astrophytum capricorne v. niveum zu kurzen, massiven Säulen heran, die bei einem Durchmesser bis zu 20 cm eine Höhe von etwa 50 cm erreichen. Ihre gelben Blüten mit rotem bis orangefarbigem Schlund und bis zu 9 cm Durchmesser entwickeln, anders als beim Capricorne-Typ aus dem südlichen Coahuila, kaum Staminodialhaare vor der Nektarkammer. Vereinzelt findet man auch reingelb blühende Niveen in der Natur. Man kann deshalb davon ausgehen, daß die Pflanzen am Standort bezüglich ihrer Blütenschlundfarbe mischerbig sind.
Astrophytum capricorne v. niveum ist nicht nur in unseren Gewächshäusern selten, auch im Bolson de Cuatro Cienegas war es noch nie häufig vertreten. Durch gewissenlose Sammler wurde es zudem in den letzten Jahren stark dezimiert, sodaß es heute zu den besonders gefährdeten Kakteen zählt. Bei "winterlichen" Temperaturen um 30 Grad im Schatten konnte ich zunächst nur sehr vereinzelt und in großen Abständen kleinere Pflanzen am Fuß der Sierra Anteojo finden. Nach einem anstrengenden, fast ergebnislosen Tag, kehrte ich etwas enttäuscht zum Weg nach Cuatro Cienegas zurück. Beim Abstieg durch ein flaches Geröllfeld, ohne noch weiter auf Astrophytum zu achten, entdeckte ich dann zufällig eine intakte Niveum-Familie auf weniger als 100 Quadratmetern (Diagramm).
Die gesamte Gruppe dieser schönen Astrophytum capricorne v. niveum Population umfaßt etwa 20-25 Pflanzen, teils dicht beisammenwachsend, teils locker verstreut, von Kleinpflanzen mit nur 5 cm Durchmesser bis zu stattlichen Säulen von beinahe 40 cm Höhe. Fast alle Individuen stehen frei im Kalkgeröll, dessen graue Farbe die mimetische Einpassung der dichtbeflockten Niveen perfekt erscheinen läßt. Selbst auf kürzeste Distanz kann man die Pflanzen von den faust- bis kinderkopfgroßen Gesteinsbrocken schlecht unterscheiden. Die kräftigen, grauen Dornen der Astrophyten sehen dürren Grasbüscheln ähnlich, sodaß die optische Täuschung noch erhöht wird.
An den meisten Standorten der Astrophyten kann man feststellen, daß Sämlinge und Jungpflanzen in den ersten Jahren im Schutze von Ammenpflanzen, die extremen Klimabedingungen überleben. So sind es im Süden vorwiegend Hechtien und Larreabüsche bei Astrophytum myriostigma LEMAIRE und Agave lechuguilla TORREY in den Gebieten von Astrophytum capricorne, die den notwendigen Schatten vor der glühenden Hitze bieten. Bei der geschilderten Niveumgruppe wird diese Schutzfunktion zumindest teilweise auch vom locker liegenden Schotter der Vorberge erfüllt. Am Rande des Areals aber finden sich einzelne Pflanzen in Gemeinschaft mit Larrea DE CANDOLLE (Bild 1) (5) und Mesquite (Bild 2) (6). Die Vierergruppe (im Diagramm Pflanzen-Nrn. 4-7) ist offensichtlich im Schutz von Grusonia bradtiana (Syn. Opuntia bradtiana) (COULTER) BRITTON & ROSE und Echinocereus stramineus (ENGELMANN) RÜMPLER aufgewachsen. Ihre halbkreisförmige Anordnung ließe aber auch vermuten, daß diese Form von einer längst abgestorbenen Agave lechuguilla Ansammlung herrührt. Diese Sukkulenten bilden häufig metergroße Inseln, deren Mitte durch abgeblühte, abgestorbene Pflanzen verkahlt und sich dann ringförmig verbreitert.
Die genauere Untersuchung einzelner Niveen brachte überraschende Ergebnisse. Eigentlich ist ja zu erwarten, daß die Rippenzahl mit dem Alter der Astrophyten zunimmt. Von allen Populationsmitgliedern besitzt aber nur eine kleinere Pflanze 9 Rippen (im Diagramm Pflanze-Nr. 1), während selbst das größte Exemplar auf der konservativen Zahl 8 verblieben ist (im Diagramm Pflanze-Nr. 9, Bild 2). Das Alter dieses imposanten Astrophytum capricorne v. niveum kann man nur annähernd schätzen, muß aber weit über 50 Jahre betragen. Im oberen Viertel seines dornenstrotzenden Körpers, besitzt es, nicht auf der Rippenkante sondern an der Rippenflanke, eine einzelne, blühfähige Areole! Eine sicherlich sehr seltene Erscheinung (Bild 3).
Im Scheitel der meisten Niveen waren viele, unbefruchtete Blütenreste aber auch geleerte Fruchthüllen vorhanden. In zwei Fällen fanden sich ältere Samenkapseln (im Diagramm Pflanzen-Nrn. 1, 5) mit, wie sich später herausstellte, keimunfähigen Samen. Beide Früchte waren noch verschlossen. Hatten die auch hier allgegenwärtigen Ameisen den Duft der reifen Früchte nicht entdeckt und somit ihre Funktion zur Myrmecochorie (7) nicht erfüllt? Oder sind bei Astrophytum capricorne v. niveum auch andere Samenverbreitungsmechanismen durch Vögel oder Säugetiere von Bedeutung, wie man aus der Rotfärbung reifer Früchte schließen könnte? In näherer Entfernung des Standortes beobachtete ich jedenfalls ein dunkelbraunes Erdhörnchen und einen kalkgrauen Feldhasen, beides Tiere denen der Verzehr von Astrophytumfrüchten durchaus zuzutrauen ist.
Die Flora in der näheren Umgebung dieser Niveum-Familie ist geprägt von großflächigen Grusonia bradtiana Beständen, halbhohen Larrea-Gehölzen und dem Mesquite-Strauch. Vereinzelt ragen blaugrüne Yuccagruppen (8) darüber, zu dieser Jahreszeit blattlose Gerten von Fouquieria splendens ENGELMANN (9) und meterhohe Blütenstände von stammlosen Dasylirion ZUCCARINI (10). Die Region bis etwa Kniehöhe wird durch Gräser, Agave lechuguilla sowie vereinzelt Euphorbia antisyphilitica ZUCCARINI beherrscht. An Kakteen fallen die besonders schönen Exemplare von Ariocarpus fissuratus (ENGELMANN) SCHUMANN auf, aber auch Lophophora williamsii (LEMAIRE ex SALM DYCK) COULTER, Echinocereus pectinatus v. rigidissimus (Syn. E. rigidissimus v. rigidissimus) (ENGELMANN) RÜMPLER, Epithelantha micromeris (ENGELMANN) WEBER, Echinocactus horizonthalonius LEMAIRE und Mammillaria leona (Syn. M. pottsii) POSELGER entwickeln unter dem UV-reichen Licht im Bolson einen mit Kulturbedingungen nicht erreichbaren Habitus. Echinocereus stramineus besitzt hier eine so dichte, lange Bedornung, daß der Pflanzenkörper kaum zu sehen ist.
Am Ausgang des Beckens in westlicher Richtung existieren Astrophytum-Populationen die zur Flockenreduktion neigen (11). Neben reingrünen Pflanzen finden sich dort am selben Standort auch dicht und schütter beflockte Individuen in unmittelbarer Nachbarschaft (Bild 4). Vermutlich bildete diese höherevolierte Form von Astrophytum capricorne v. niveum einen entwicklungsgeschichtlichen und geographischen Ausgangspunkt für die weiter südlich wachsenden nackten, gelbbedornten Astrophytum capricorne v. aureum MÖLLER. Wenige Monate nach meinem Besuch plünderten europäische Kakteenhändler und Touristen den Astrophytumstandort an diesem abgelegenen Bolsonteil. Er wurde anschließend absichtlich oder versehentlich durch ein Lagerfeuer in Brand gesteckt. Es bleibt nur zu hoffen, daß die schöne Niveumgruppe am Fuß der Sierra Anteojo nicht von solchen Vandalen entdeckt wird und noch lange ungestört in der Stille des Bolson de Cuatro Cienegas überlebt.
Literatur:
BERNHARD, U.; HOOCK, H. (1986): Die Astrophyten von Cuatro Cienegas, Kakt. and. Sukk. 37 (7): 141-147
BOKE, N. H. (1968): Excursiones de la Universidad de Oklahoma en el Norte de Mexico - 1967, Cact. Suc. Mex. 13 (3): 50-58
BROWN, D. E. (1982): Chihuahuan Desertscrub, Desert Plants 4 (1/4): 169-179
HOOCK, H. (1986): Die Mimese der Astrophyten, Kakt. and. Sukk. 37 (10): 208-211
HOOCK, H. (1988): Schutz der Nektarkammer bei Astrophytum-Blüten, Kakt. and. Sukk., 39 (3): 58-61
KAYSER, K. (1933): Echinocts. (Astroph.) capricornis niveus var. n., Kakteenkunde Jg. 1933 (1): 31-32
RIHA, J.; BUSEK, J. (1986): Astrophytum capricorne var. niveum a var. crassispinum, Kaktusy 22 (5): 99-103
VIERECK, H. W. (1939): Astrophyten, wie sie der Sammler in den Heimatgebieten sieht, Beiträge z. Sukkulentenkunde Jg. 1939 (1): 4-8
Bildertexte im Artikel
Bild 1:
Das Astrophytum capricorne v. niveum am Rande der Pflanzengruppe (im Diagramm Pflanze Nr. 8) wird während der größten Mittagshitze durch einen Gobernadora-Strauch beschattet, der allerdings in der Winterzeit fast blattlos ist.
Bild 2:
Innerhalb der Niveumgruppe dominiert eine beinahe 40 cm hohe Pflanze mit dichten Dornenkämmen entlang den Rippenkanten, die ihr ein urweltliches Aussehen verleihen (im Diagramm Pflanze Nr. 9). Sie besitzt 40-50 Areolen auf jeder Rippe. Daran läßt sich ein Alter dieses Astrophytum von etwa 50-100 Jahre abschätzen.
Bild 3:
In einem Ausschnitt der in Bild 2 vorgestellten Pflanze sieht man eine bedornte, blühfähige Areole, die sich nicht auf der Rippenkante, sondern eigentümlicherweise an einer Rippenflanke befindet (Pfeil).
Bild 4:
Zwei Astrophytum capricorne v. niveum aus dem westlichen Teil des Bolson de Cuatro Cienegas im Vergleich. Die dortigen Pflanzen neigen zur Flockenreduktion (links im Bild), aber am selben Standort wachsen auch schütter beflockte (rechts im Bild) und dicht beflockte Individuen in unmittelbarer Gemeinschaft.
Fußnoten und Anmerkungen:
1 Man nennt die steinigen, kiesigen Ebenen in ihrer Heimat "bajadas". Sie sind oft von Erosionsrinnen, den "arroyos" durchzogen, die nur nach heftigen Regenfällen Wasser führen.
2 Pico Pajarito, 2772 Meter über NN in der westlichen Sierra Anteojo.
3 Cuatro Cienegas bedeutet wörtlich "vier Sümpfe". In der Umgebung des Städtchens befinden sich noch heute Wasserstellen die ganzjährig gefüllt sind und den Besucher mitten in der Trockenzone des Bolson mit einer Fülle von Sumpfpflanzen überraschen (Nyphea (Seerose), Utricularia (Wasserschlauch), etc.).
4 Das Epitheton "niveus" (weiß) wurde von K. KAYSER wegen der besonders dichtweißen Beflockung dieser Astrophyten gewählt.
5 Larrea-Büsche, insbesondere von Larrea tridentata (DE CANDOLLE) COVILLE, dominieren häufig im Landschaftsbild der Chihuahua Trockengebiete. Der Mexikaner nennt sie deshalb auch "gobernadora", Herrscherin. Man bezeichnet sie aber auch als Kreosotbüsche, da die von einer Lackschicht überzogenen Blätter an heißen Tagen intensiv nach Kreosot riechen.
6 Als "mesquite" werden alle dornigen Sträucher, vor allem Prosopis juliflora DE CANDOLLE, bezeichnet.
7 Für die Ameisen sind die aufgequollenen Samenstränge in den reifen Astrophytum-Früchten eine Delikatesse. Bei ihrem Transport in Richtung Ameisenbau fressen sie die Samenanhängsel teilweise völlig auf und lassen dann die so gereinigten Samen achtlos liegen. Unter günstigen Umweltbedingungen wächst dann entlang der ehemaligen Ameisenstraße eine neue Astrophytumgeneration heran. Man nennt diesen Verbreitungsmechanismus der Samen Myrmecochorie.
8 Vermutlich Yucca rigida (ENGELMANN) TRELEASE.
9 In ihrer Heimat als "ocotillo" bezeichnet.
10 Vermutlich Dasylirion leiophyllum.
11 Eine weitere Population solcher Astrophyten ist in der Sierra Ovejas bekanntgeworden.
Bilder:
Pflanzengemeinschaft, Zeichnung
Astrophytum capricorne v. niveum, Einzelpflanze
Astrophytum capricorne v. niveum, Einzelpflanze, groß
Areole in der Rippenfurche bei Astrophytum capricorne v. niveum
Yucca rigida (ENGELMANN) TRELEASE ?
Landschaft im Becken von Cuatro Cienegas
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