HOOCK, H. 1990 . Kakt. and. Sukk. Band: 41 Heft (2) und Heft (3) Seite 28-30 und 56-60 Astrophytum capricorne v. senile (FRIC) OKUMURA
Astrophytum capricorne v. senile (FRIC) OKUMURA
1. Entdeckung und Erstbeschreibung
Um die Jahrhundertwende setzte sich in der Literatur allmählich die Fotografie als Mittel der optischen Dokumentation gegenüber der Zeichnung durch. Die erste veröffentlichte Abbildung eines Astrophytum mit Hilfe der neuen Technik zeigt auch gleichzeitig eine bis dahin unbekannte Pflanze aus dieser Gattung. Gemeint ist Astrophytum capricorne v. senile, das der Schriftführer und Archivar der Deutschen Kakteen-Gesellschaft E. DAMS 1904 in der Monatsschrift für Kakteenkunde als "Form Beta des Echinocactus capricornus" den Lesern vorstellte. Schon ein Jahr vorher hatte "Die Gartenwelt" in den Reiseskizzen des C.A. PURPUS diesen Fund angekündigt und davon gesprochen, daß es sich vermutlich um eine neue Form aus dem Capricornekreis handeln müsse. Die Informationen hierzu dürften aus dem Briefverkehr zwischen J.A. PURPUS, Inspektor am Botanischen Garten zu Darmstadt und seinem nach Amerika ausgewanderten Bruder Carl-Anton stammen. Dessen ausgedehnte Sammelreisen von USA nach Nordmexiko brachten 1903 nicht nur für die Kakteenliebhaber Neuigkeiten und Überraschungen, sondern es fanden sich unter den gesammelten Exemplaren viele neue Arten aus verschiedenen Pflanzenfamilien. Außerdem verdanken wir C.A. PURPUS wertvolle Studien zur Mimese der Kakteen mit interessanten Beobachtungen der Standortbedingungen und des Biotops in Coahuila um 1900.
DAMS vermied damals, so führt er selber aus, eine voreilige Namensgebung dieser neuen Astrophyten. Er wollte zunächst die Sämlinge abwarten um Gewißheit über die Erbkonstanz der "flockenfreien Epidermis" und des "dichten Borstenkleides" zu erlangen, beides Eigenschaften durch welche sich diese Form von den damals bekannten Capricornen unterschied. Erstaunlicherweise ist es nur bei seiner Ankündigung einer späteren Beschreibung geblieben. Das Senile war die folgenden 20 Jahre nicht etwa wie das berühmte Astrophytum asterias (ZUCCARINI) LEMAIRE verschollen, wie man aus dem langen literarischen Schweigen schließen könnte, sondern in deutschen und holländischen Sammlungen durchaus vertreten.
1923 sammelte dann A.V. FRIC die nudalen Astrophyten in der westlichen Sierra de Parras und veröffentlichte 1925 die Erstbeschreibung. Alle überlieferten historischen Daten seiner Reise zeigen, ähnlich wie bei der Wiederentdeckung von Astrophytum asterias im selben Jahr, das große organisatorische und logistische Talent dieses Mannes. Er verstand es hervorragend aus bekannten Tatsachen neue Folgerungen zu ziehen. Standortkenntnisse und Informationen einheimischer Sammler nutzte er geschickt für seine Ziele. So lernte er über seinen Landsmann T. SCHWARTZ Don AGUIRRE BENAVIDES aus Parras kennen. Dieser führte ihn nach Villareal zu Astrophytum capricorne v. senile und stellte vermutlich auch den Kontakt zu einem weiteren Kakteenkenner und -sammler in Parras, Dr. WALTHER her. Wir wissen von BÖDEKER, daß dieser Arzt für DE LAET tätig war und schon 1912 Astrophytum capricorne v. senile nach Europa sandte. Welche genaue Rolle er bei der FRIC'schen Standortsuche spielte, blieb aber unbekannt.
Zeitlich parallel zu diesen Ereignissen war ein zweites Brüderpaar intensiv mit den coahuilen Astrophyten befaßt: Dr. H. MÖLLER, Neuhausen und A.F. MÖLLER (MOELLER), wohnhaft in San Pedro, Coahuila. So berichtet H. MÖLLER 1925
in der Zeitschrift für Sukkulentenkunde über "Echinocactus capricornus v. senilis FRIC", wobei nicht sicher ist, ob diese Pflanzen von seinem Bruder oder aus FRIC-Importen stammen. Seine Standortangabe "Umgebung von San Pedro" paßt jedenfalls auch gut zur FRIC'schen Angabe "südlich Villareal im Staat Coahuila". In derselben Veröffentlichung beschreibt er weiter als Neuheit den Echinocactus capricornus v. aureus. Damit nahm eine nomenklatorische Unsicherheit ihren Anfang, die auch in der BACKEBERG'schen Umkombination dieser Pflanzen zur gelbbedornten Varietät von Astrophytum capricorne v. senile ihren Ausdruck fand (s. hierzu Synonymenlisten).
2. Am Standort bei Villareal, Coahuila
Am frühen Morgen des 22. Dezember 1985 nehmen Herr Bernhard und ich die alte FRIC'sche Spur in Parras de la Fuente auf. Der Weg aus der Stadt führt uns durch ehemalige Weingärten von denen noch WISLIZENUS 1847 begeistert berichtet hatte. Weinstöcke waren es auch, nach denen man der Ansiedlung den Namen gab (parra d.h. Weinranke, Weinlaube). Unsere Route für diesen Tag ist eigentlich klar und einfach vorgegeben: etwa 50 Kilometer Schotterweg in westlicher Richtung am Fuß der Sierra de Parras die Bahnlinie entlang bis zur Station Villareal und zurück. Die Wirklichkeit sieht dann aber ganz anders aus. Für unseren PKW ist die zerfurchte Fahrrinne mit schwierigen Arroyo-Durchquerungen fast unpassierbar. Die Eisenbahnlinie existiert schon lange nicht mehr und nur noch zu vermutende Reste eines Dammes fallen wegen ihrer geradlinigen Geometrie in der sonst so ursprünglich gewellten Hügellandschaft auf. Zwischen jüngstem Kartenwerk aus Mexiko D.F. und realer Topographie ist eine unüberbrückbare Diskrepanz. Selbstverständlich gibt es auch Villareal nicht mehr oder gar Wegweiser zu dieser ehemaligen Bahnstation.
In einem kleinen Indianerdorf namens Boquilla del Refugio übersehen wir eine Abzweigung wie sich erst tags darauf herausstellt und so landen wir schließlich ungewollt nach mehrstündiger, aufreibender Fahrt bei El Sol an der Straße N-40. Den restlichen Sonntag verbringen wir mit der Suche nach Astrophytum coahuilense bei Viesca und erkunden eine eventuelle Zufahrt zu unserem so greifbar naheliegenden Ziel von Süden her. Aber die Hoffnung den Paß zwischen der Sierra de Parras und der Sierra de Baicuco (Sierra de la Pena) durch das Becken zu erreichen, müssen wir nach verschiedenen Versuchen auch hier aufgeben. Der nächste Tag wird dann ein Erfolg. Wiederum von Parras aus gestartet stellt sich eine unbeschilderte Hofdurchfahrt in Boquilla als unser gesuchter Weg heraus. Hinter diesem Gehöft verläuft ein besserer Eselpfad in Richtung 'Villareal'...
Der winterliche Tag ist wolkenlos mit Temperaturen um 30 Grad Celsius im Schatten, obwohl das Außenthermometer morgens leichten Frost zeigte. Von den Daten der Wetterstation in Viesca wissen wir zwar, daß die Heimat des Senile mit weniger als 200 mm Jahresniederschlag die trockenste Gegend von ganz Coahuila ist, aber es ist eben ein Unterschied ob man nur ein Klimadiagramm auf der Karte studiert oder langsam im Auto gegrillt wird. Nachdem wir zu Fuß ein breites, ausgetrocknetes Flußbett durchquert haben, beginnt der Anstieg von etwa 1250 m bis 1600 m ü.d.M. Das Kalkgestein ist hier vorwiegend aschgrau, griffig ausgewaschen, oft platten- bis terrassenförmig gestuft und durchsetzt mit zahlreichen Spalten und Löchern. Ein idealer Ort für Schlangen, wie mir eine unerwartete Begegnung mit einem etwa meterlangen Exemplar gleich zu Anfang warnend ins Gedächtnis ruft. Bereits nach einer Stunde finden wir aber die ersten Senile. Sie sind meist nicht sehr groß, etwa 5-10 Zentimeter hoch, kugelig bis leicht gestreckt, flockenlos und häufig in eng gedrängten Gruppen stehend (Bild 1 bis 3). Obwohl ich mir bei der Suche ständig bewußt bin, daß die optische Einpassung dieser Pflanzen das Erscheinungsbild von dürrem Gras imitiert, bin ich dennoch von der Perfektion dieser Mimese betroffen. Das eine oder andere Individuum kann man tatsächlich erst durch Abtasten von den Horstgräsern unterscheiden.
Im begangenen Areal finden sich bergwärts kleinere Populationen die durch einige hundert Meter Distanz getrennt sind. Als wir vom Gipfel aus durch eine enge, unwegsame Barranca absteigen finden wir noch eine Gruppe großer, alter Senile. Eine Pflanze davon mißt ganze 36 Zentimeter von der Sohle bis zum Scheitel. Fast alle sind absolut flockenfrei, sehr selten sind vereinzelt Flocken an den Rippenkanten und in den Rippenfurchen feststellbar. Als Farbe der um den Körper dicht geflochtenen Dornen überwiegt hellgrau bis hellbraun, im oberen Teil des Körpers teilweise von dunklerem Einschlag. Freistehende Exemplare erscheinen manchmal fast weiß! Das Vergrauen und Verbleichen der unteren Dornen ist ein Alterungsprozeß, der offensichtlich auch der Mimese dient. Junge Grasbüschel und junge Dornen von Astrophytum capricorne v. senile sind beide während der Vegetationszeit im Zentrum lebhafter gefärbt (Bild 2).
Viele der aufgefundenen Senile stehen in Felsspalten aufgereiht (Bild 1). Beim Anblick dieser 'Zeilen' kommt schon der Gedanke auf, daß neben der Myrmecochorie auch die Hydrochorie bei der Samenverbreitung von Bedeutung sein könnte. Ameisen sind hier in jeder Größe sozusagen allgegenwärtig, obwohl überraschenderweise die sonst für ihre Bauten so typischen "Krater" fehlen. Unter dem dichten Dornenkleid der Pflanzen finden sich viele Blüten- und Fruchtreste, aber keine Samen. Das Substrat in dem die Pflanzen stehen ist sandig-lehmig mit sehr wenig Humusanteil.
Als typische und vorwiegende Vegetation dieses Senile-Standortes ist Agave lechuguilla TORREY mit den steifen Blattspitzen ein unbequemes Hindernis beim Klettern. Häufig vertreten sind auch Euphorbia antisyphilitica ZUCCARINI (candelilla), Selaginella lepidophylla (HOOK. et GREV.) SPRING und locker verstreut über das Gelände Prosopis juliflora (SWARTZ) DE CANDOLLE (mesquite) sowie Fouquieria splendens ENGELMANN (ocotillo). Es finden sich einige Arten von Echinocereus, Opuntia und im oberen Teil des Berges prächtige Exemplare von Ariocarpus fissuratus (ENGELMANN) SCHUMANN.
3. Gibt es Naturhybriden zwischen Astrophytum capricorne v. senile und Astrophytum coahuilense (MÖLLER) KAYSER ?
Spätestens seit der Veröffentlichung von C. GLASS & R. FOSTER im amerikanischen Sukkulenten-Journal ist bekannt, daß Astrophytum capricorne v. senile und Astrophytum coahuilense (dort als Astrophytum capricorne v. minor und Astrophytum myriostigma v. coahuilense bezeichnet) in den Bergen nördlich von Viesca teils gemeinsame Areale bewohnen. Eine Abbildung in dieser Notiz zeigt zwei Pflanzen unmittelbar nebeneinander, betitelt mit der scherzhaften Bezeichnung "sonderbare Bettgenossen". Die Autoren haben jedoch, wie alle anderen Feldforscher vor und nach ihnen, keine Naturhybriden dieser Astrophyten gefunden.
Erste Vermutungen über ein Vorkommen solcher Hybriden datieren schon aus dem Jahr 1925 als FRIC verschiedene Astrophytum-Varietäten in Zivot v Prirode wie folgt beschreibt: "Myriostigma? v. cereiformis, 8 Rippen, der Körper glänzend grün, 3 cm im Durchmesser bei einer Größe von 12 cm. Ich habe diese Pflanzen bei Dr. Walter (Sammler De Lactova) in Parras gesehen und später habe ich ein Stück auf den Felsen inmitten zwischen myriostigma und capricornis gefunden. Ich halte es für Naturhybriden zwischen den beiden. (Mein Exemplar ging ein)...". Eine weitere Nachricht stammt von Gustavo AGUIRRE-BENAVIDES, der nach seiner Aussage zwischen Parras und Viesca ein Astrophytum coahuilense mit kurzen, schwarzen, dicken Dornen gesehen hat (KLAUS, 1985).
Festzustellen ist jedenfalls, daß ein sicherer Beweis für die Existenz von Naturhybriden zwischen den beiden Arten trotz Arealüberschneidungen nördlich Viesca und evtl. am Cerro Bola (BRITTON & ROSE zitieren 1937 C.A. PURPUS) bisher aber fehlt. Auch unsere eigene Feldbegehung 1985 bei Villareal brachte keine diesbezüglichen Hinweise. Es stellt sich die Frage, warum das so ist. Hierfür gibt es mehrere mögliche Argumente und Antworten:
1. Die Blütezeiten von Senile und Coahuilense sind so unterschiedlich, daß eine gegenseitige Bestäubung der Pflanzen nicht möglich ist (GLASS & FOSTER).
Eigene langjährige Versuche mit Kulturpflanzen und Standortmaterial können dies nicht bestätigen. Die Blütensynchronität zwischen den beiden Arten beträgt etwa 50-60 Prozent bezogen auf die jeweilige artinterne Koinzidenz. Das bedeutet in der Praxis, daß man jede Saison mit wenigen Pflanzen ausreichend Samen erzeugen kann.
2. Es besteht Inkompatibilität bei der Kreuzung.
Durchsucht man die umfangreiche Literatur über Astrophytumhybriden, so findet man über die Kreuzungsrichtung Senile < Coahuilense keine und über diejenige von Coahuilense < Senile nur wenige Aussagen. Ein eigener Versuch mit Standortmaterial von Villareal und Cerro Bola hat ein überraschendes Ergebnis gebracht. Bei gegenseitiger Bestäubung laufen Fruchtansatz und -reife an beiden Partnern völlig normal ab, auch die Samenzahl bewegt sich jeweils in der üblichen Größenordnung. Aber sämtliche Samen von Senile als Mutterpflanze besitzen innerhalb einer normalgefärbten Testa keinen Embryo, während die Samen von Coahuilense als Mutterpflanze voll entwickelt und keimfähig sind. Dieses Ergebnis muß auf Allgemeingültigkeit erst noch an einer größeren Zahl von Pflanzen überprüft werden, es bietet aber doch einen möglichen Lösungsansatz.
3. Die Hybriden sind lebensunfähig und/oder einer verstärkten Auslese am Standort ausgesetzt.
Viele Keimlinge aus der Kreuzung Coahuilense < Senile weisen unterschiedlich starken Chlorophylldefekt auf. Sie wachsen allgemein schwächer als artreines Material, nur einzelne Individuen besitzen die Vitalität der Eltern. Mehrjährig zeigen sie im wesentlichen noch den dichtbeflockten Habitus der Mutter, entwickeln aber schon zahlreiche Dornen und acht Rippen aus dem väterlichen Erbe. Man kann davon ausgehen, daß sie durch die harten Umweltbedingungen am Standort in hohem Maße selektiert werden.
Zusammenfassend kann man sagen, daß in gemeinsamen Arealen von Astrophytum capricorne v. senile und Astrophytum coahuilense bei intensiver Suche durchaus eine Chance besteht Hybriden zumindest der ersten Generation zu finden. Das größere Problem für den Kakteenfreund aus Europa sind jedoch die unbekannten Standorte, an denen diese verschiedenen Astrophyten bis auf Bestäuberweite benachbart oder gar durchmischt sind.
4. Astrophytum capricorne v. senile und das Capricorne-Aggregat
Es wurde bereits erwähnt, daß Astrophytum capricorne v. senile von den nomenklatorischen Verwirrungen leider, wie so viele andere Kakteen auch, nicht verschont blieb. Die Einstufung als Form, Varietät oder gar Art innerhalb des Capricornekreises, sowie die Einbeziehung des Echinocactus capricornus v. aureus MÖLLER als Varietät zu Senile durch BACKEBERG haben die Situation verkompliziert. Um einen Anhaltspunkt für die Plazierung von Astrophytum capricorne v. senile innerhalb des morphologischen Typus zu geben, sind in Tabelle 2 die wichtigsten Kennzeichen gegenübergestellt. Für ein kritisches Urteil des Lesers mögen als Beispiel auch die dort aufgeführten Dornenbeschreibungen aus dem Jahr 1904 (DAMS) sowie 1925 (FRIC, MÖLLER) dienen. Von den verschiedenen gegensätzlichen Aussagen sei wiederum lediglich der Dornenquerschnitt herausgegriffen, der von vierkantig (FRIC) bis stielrund (MÖLLER) geschildert wird. Sicherlich ist auch bei diesem Merkmal eine große morphologische Plastizität des Standortmaterials vorhanden, aber gewisse Tendenzen lassen sich durchaus erkennen. Um dies zu präzisieren habe ich verschiedene Dornen zunächst in Kunstharz eingebettet, geschliffen und anschließend unter dem Mikroskop vermessen. Als Ergebnis kann man sagen, daß sich die einzelnen Formen des Capricornekreises im Längen-Breitenverhältnis der Querschnitte deutlich unterscheiden. Während Astrophytum capricorne mit den flachen Dornen hier etwa den Quotienten 4 aufweist, beträgt er für die Senile-Minorform 2.3 bis 2.5. Die Dornen von Astrophytum capricorne v. niveum (KAYSER) OKUMURA mit ca. 2 und Astrophytum capricorne v. aureum mit 1.5 bis 1.7 als Quotient sind runder ausgeprägt. Bei Astrophytum ornatum (DE CANDOLLE) WEBER als Vergleichspflanze wurde fast der Idealwert 1 für kreisrund gefunden. Nähere Details können ebenfalls der Tabelle 2 entnommen werden.
Durch das eigene Areal in der Sierra de Parras, die flockenfreie Epidermis erwachsener Pflanzen, die auf getrocknetes Gras spezialisierte mimetische Einpassung mittels der grauen Dornen und die Sperrhaare im Blütenschlund ist Astrophytum capricorne v. senile als eine hochevulierte Astrophytenpopulation aus dem südlichen Capricornekreis charakterisiert. Gäbe man ihr Artrang, müßte dies konsequenterweise auch für den Minor-, Niveum- und Aureumtyp erfolgen. Erfreulicherweise sind aber bisher trotz aller Neuerungssucht der Autoren derartige Versuche im allgemeinen auf Ablehnung gestoßen.
Tabelle 1:
Historie von Astrophytum capricorne v. senile (FRIC) OKUM. und Astrophytum capricorne v. aureum (MÖLL.) BACK.
1903 Bericht über die C.A. PURPUS Reise in Mexiko und den Fund eines neuen "Echinocactus capricornis..." in der "Gartenwelt"
1904 DAMS beschreibt die PURPUS-Pflanzen als "Form Beta von Echinocactus capricornus"
1911 In der Oktobersitzung der Deutschen Kakteen-Gesellschaft wird ein Echinocactus capricornus besprochen. Die Pflanze stammt aus der Sammlung H. FRANCK, Frankfurt (identisch mit A. FRANCK aus dem Text von DAMS 1904 ?). Sie besitzt "lange zottige Wollhaare...so dass sich an einer Areole bis zu 25 Stacheln fanden..."
1912 Dr. A. WALTHER aus Parras in Coahuila sammelt und liefert für DE LAET in Holland Echinocatus capricornus v. senilis
1923 A.V. FRIC findet A. capricorne v. senile in der Sierra de Parras gemeinsam mit AGUIRRE BENAVIDES
1924 Erstnennung des Namens Astrophytum senile durch FRIC in Zahraduickich Listu, S. 120
1925 Erstbeschreibung als Astrophytum senile durch A.V. FRIC in Zivot v Prirode
1925 Erstbeschreibung von Echinocactus capricornus v. aureus durch H. MÖLLER in der Zeitschrift für Sukkulentenkunde
1933 Umkombination von Astrophytum senile FRIC durch OKUMURA zur Varietät Astrophytum capricorne v. senile in Sya boten-no-Kenkyu (Japan)
1937 Umkombination des MÖLLER'schen Echinocactus capricornus v. aureus zu Astrophytum senile v. aureus durch BACKE BERG
Tabelle 2
Morphologie der Capricorne-Typen
-------------------------------------------------------------
CAS / CAI / CA / CAE / CAN
-------------------------------------------------------------
Blüte mit Sperrhaare: ja / (ja) / ja / (nein) / (nein)
-------------------------------------------------------------
Flocken bei erwachsenen Pflanzen: nein / ja / ja / (nein) / (ja)
-------------------------------------------------------------
Flockenfarbe im Neutrieb: -- (weiß) (braun) -- weiß
-------------------------------------------------------------
charakter. Farbe alter Dornen: (grau) (grau) (grau) (gelb) (grau)
-------------------------------------------------------------
Dornenquerschnitt (Quotient): 2-3 2-3 4 1.5-1.7 2
Erläuterungen:
() bedeutet, daß Abweichungen vorkommen
CAS = Astrophytum capricorne v. senile
CAI = Astrophytum capricorne v. minor
CA = Astrophytum capricorne
CAE = Astrophytum capricorne v. aureum
CAN = Astrophytum capricorne v. niveum
Dornenbeschreibungen von Astrophytum capricorne v. senile:
1. DAMS (1904): "...aus den...Areolen...treten 16 bis 20, ja 25 Borstenstacheln, sodaß der Körper unter dem dichten Borstenkleide kaum sichtbar ist...sie sind 5 bis 7 cm lang; die seitlichen streben zuerst horizontal seitwärts und biegen sich dann, wie die übrigen es sogleich tun, aufwärts."
2. FRIC (1925): "Die Stacheln sind im Querschnitt vierkantig, zwischen den Kanten oft mit einer vertieften Riefe, weich und nach allen Seiten stehend, jede Areole hat bis zu 30 Stacheln. Nach dem Regen quellen sie auf und formieren sich spiralig, ganz regelmäßig. Sie bedecken die ganze Pflanze so, daß sie wie ein trockener Grashügel aussieht, der Körper ist überhaupt nicht zu sehen. Sie sind bis 10 Zentimeter lang, von weißer, rötlicher bis schwarzer Färbung, aber die Pflanze ist immer einfarbig."
3. MÖLLER (1925): "Stacheln aus jeder Areole 15-20, regellos, fast stielrund, bogenförmig vom Körper abstehend, über die ganze Pflanze nestartig ineinander gewickelt, dunkelbraunrot bis braunschwarz, später grau werdend, nie am unteren Teil des Körpers abgestoßen oder abgebrochen."
Synonyme für Astrophytum capricorne v. aureum (MÖLL.) BACKEBERG
Astrophytum aureum, HAAGE, W. (1981): 25
Astrophytum capricorne aurea, BOMMELJE, C. (1951): 69
Astrophytum capricorne aureum, BACKEBERG, C. (zit.: OKUMURA) (1961): 2.674
Astrophytum capricorne f. aureum, DONALD, J.D. (zit.: KRAINZ) (1975): 146
Astrophytum capricorne v. aurea, MARSHALL, W.T.; BOCK, T.M. (1941): 154
Astrophytum capricorne v. aureum, BORG, J. (1951): 311
Astrophytum capricorne v. aureus, GILKEY, J.E. (1944): 145
Astrophytum capricorne v. luteum, NOYES, F.B. (1943): 187
Astrophytum senile f. flavispina, HAAGE, W.; SADOVSKY, O. (1957): 55
Astrophytum senile v. aureispinum, SADOVSKY, O. (1951): 28
Astrophytum senile v. aureum, BACKEBERG, C. (1937): 2
Echinocactus capricornis v. aureum, MEGATA, M. (1944): 51
Echinocactus capricornis v. aureus, BERGER, A. (1929): 234
Echinocactus capricornus v. aurea, SUHR, R. (zit.: GASSER, J.) (1925): 98
Echinocactus capricornus v. aureus, MÖLLER, H. (1925): 128
Oho-gyoku, MEGATA, M. (1944): 51
Synonyme für Astrophytum capricorne v. senile (FRIC) OKUMURA
Astrophytum capricorne v. senile, BACKEBERG, C. (zit.: OKUMURA) (1961): 2.674
Astrophytum capricorne v. senilis, MARSHALL, W.T.; BOCK, T.M. (1941): 154
Astrophytum senile, FRIC, A.V. (1925): 34
Astrophytum senile f. cristata, HAAGE, W.; SADOVSKY, O. (1957): 87
Astrophytum senile v. senile, SCHÜTZ, B. (1983): 24
Echinocactus capricorne senilis, RÖDER, W. (1929): 68
Echinocactus capricornis v. senilis, BERGER, A. (zit.: FRIC) (1929): 234
Echinocactus capricornus senile, Anonym (1926): 81
Echinocactus capricornus v. senilis, MÖLLER, H. (1927): 55
Bilderliste (Auszug) von Astrophytum capricorne v. senile:
Anonym (Foto E. BECHT) (1926): Twee Echinocactussen, Succulenta 8 (6): 81
BERGER, A. (Foto J.N. ROSE) (1929): Kakteen, Ulmer Verlag, Stuttgart: 234
DAMS, E. (Foto FRANCK) (1904): Formen des Echinocactus capricornus DIETR., Monatsschrift f. Kakteenkunde 14 (12): 183
GILKEY, J.E. (1944): The Astrophytum Group, Cact. Succ. Journ. (US) 16 (10): 145
GLASS, C.; FOSTER, R. (1974): Strange Bedfellows, Cact. Succ. Journ. (US) 46 (3): 112
HAAGE, W.; SADOVSKY, O. (1957): Kakteen-Sterne, die Astrophyten, Neumann-Verlag, Radebeul: 55
LUX, A.; STANIK, R. (1981): Astrophytum senile FRIC, Kaktusy Sukulenty 2 (4): 81
MEGATA, M. (1944): An Account of the Genus Astrophytum LEMAIRE in: Memoirs of the College of Agriculture, No. 56, Kyoto Imperial University: PL. VIII, Fig. 26
RAUH, W. (1979): Kakteen an ihren Standorten, Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg: Tafel 65
SADOVSKY, O. (1963): Vyznam objevu Astrophytum senile FRIC, Friciana Rada 3 (18): 8-10
SADOVSKY, O.; SCHÜTZ, B. (1979): Die Gattung Astrophytum, Flora-Verlag, Titisee-Neustadt: 153
SCHÜTZ, B. (1971): Astrophytum senile a aureum, Kaktusy 7 (5): 101
Literatur zum Textteil
Anonym (1903): Die Reisen des Sammlers C.A. PURPUS in Mexiko im Jahre 1903, Die Gartenwelt VIII (32): 378-380
BACKEBERG, C. (1937): Astrophytum senile FRIC var. aureum MÖLL., Blätter f. Kakteenforschung Jg. 1937-2 :
BÖDEKER, F. (1927): Drei neue Mamillarien (1. Mam. waltherii BÖD., n. sp.), Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 3 (4): 72-73
BRITTON, N.L.; ROSE, J.N. (1937): The Cactaceae - Descriptions and Illustrations of Plants of the Cactus Family, Carnegie Inst. of Washington : 2. ed.: Vol.III; 182-185; Plate XXI, XXII
DAMS, E. (1904): Formen des Echinocactus capricornus DIETR., Monatsschrift f. Kakteenkunde 14 (12): 183-184
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FRIC, A.V. (1925): Odrudy astrophyt, Zivot v Prirode 29 (11): 37-40
GLASS, C.; FOSTER, R. (1974): Strange Bedfellows, Cact. Succ. Journ. (US) 46 (3): 112
KLAUS, W. (1985): Dornen-Rudimente bei Astrophytum myriostigma LEMAIRE, Kakt. and. Sukk. 36 (7): 132-133
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MÖLLER, H. (1925): Echinocactus capricornus DIETR. und seine Varietäten, Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 2 (7): 127-129
VAUPEL, F.; FUHRMEISTER, W. (1911): Oktober-Sitzung der Deutschen Kakteen-Gesellschaft, Monatsschrift f. Kakteenkunde 21 (12): 189-192
WISLIZENUS, A. (1848): A Tour to Northern Mexico, Rio Grande Press Inc., New Mexico : 141 p
weitere Literatur zu den Synonymen:
Anonym (1926): Twee Echinocactussen, Succulenta 8 (6): 81-82
BACKEBERG, C. (1961): Die Cactaceae, Gustav Fischer Verlag, Jena: Bd.V, 2651-2674
BERGER, A. (1929): Kakteen, Ulmer Verlag, Stuttgart: 14, 20, 34, 37, 198, 231-235
BOMMELJE, C. (1951): Astrophytum, Succulenta 30 (5): 66-70
BORG, J. (1951): Cacti, Blandford Press, London: 2. ed.: 308-311
DONALD, J.D. (1975): Species Catalogue for the Cactaceae, Ashingtonia 1 (12): 145-185
GILKEY, J.E. (1944): The Astrophytum Group, Cact. Succ. Journ. (US) 16 (10): 143-150
HAAGE, W. (1981): Kakteen von A bis Z, Neumann Verlag, Leipzig-Radebeul: 25
HAAGE, W.; SADOVSKY, O. (1957): Kakteen-Sterne, die Astrophyten, Neumann-Verlag, Radebeul: 1-156
MARSHALL, W.T.; BOCK, T.M. (1941): Cactaceae, Abbey Garden Press, Pasadena, USA: 36-37, 153-154
MÖLLER, H. (1927): Beobachtungen an Astrophyten, Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 3 (3): 52-55
NOYES, F.B. (1943): Notes on Cacti Out of Doors, Cact. Succ. Journ. (US) 15 (12): 187-188
ROEDER, W. (1929): Fehlerbuch des Kakteenzüchters - Tagesfragen und Ziele neuzeitlicher Kakteen- und Sukkulentenpflege -, Francksche Verlagshandlung, Stuttgart: 68, 71, 76, 89, 91, 93
SADOVSKY, O. (1951): Bemerkungen zur Gattung Astrophytum LEM. (Fortsetzung), Mitteilungen der SKG 10 (7): 28
SCHÜTZ, B. (1983): Rod Astrophytum, Friciana (56): 24
Bilder:
Astrophytum capricorne v. senile, Blüte / flower
Astrophytum capricorne v. senile, "Gräsermimese" / "grass mimicry"
Astrophytum capricorne v. senile, "Vogelnest" / "bird nest"
Astrophytum capricorne v. senile, Frucht und Samen / fruit and seed
Astrophytum capricorne v. senile, Dornenquerschnitte, Zeichnung / spine cross-section
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