HOOCK, H. 1989 . Kakt. and. Sukk. Band: 40 Heft (10) Seite 246-247 Echinocactus grusonii HILDMANN bei Boca del Leon, Queretaro


Echinocactus grusonii HILDMANN am Standort bei Boca del Leon, Queretaro

Echinocactus grusonii, liebevoll Goldkugel oder scherzhaft auch Schwiegermutterstuhl genannt, kennt wohl jeder Kakteenfreund. Wer diese Pflanze nicht selber pflegt, hat sie zumindest schon im Supermarkt gesehen: sie gehört zur Massenware der Kakteenindustrie. Um so überraschender ist die Erfahrung, daß es heute fast nicht mehr möglich ist diese wunderschönen Kakteen am Standort in Mexiko zu bewundern (KRÄHENBÜHL, F; 1970).

Um die Jahreswende 1985/86 reiste ich gemeinsam mit Herrn Bernhard auf der Suche nach Astrophytum ornatum v. mirbelii (LEMAIRE) OKUMURA in das Grenzgebiet zwischen Hidalgo und Queretaro, das nordöstlich von San Juan del Rio durch das Einzugsgebiet des Rio Moctezuma gebildet wird. Ein für PKW kaum befahrbarer Schotterweg führt kurz nach Cadereyta etwa 25 Kilometer weit über Boca del Leon und Salitre in die Barranca bei Infiernillo das man heute Vista Hermosa nennt. In dieser Gegend sowie am Unterlauf des Rio Tula befinden sich die letzten Refugien des Echinocactus grusonii (YOSIZAWA, H. (1935); WAGNER, E; 1962; SCHATZL, S. 1977). Doch nicht dort, sondern bereits Mitte des Wegs, bei Boca del Leon, trafen wir auf ein prächtiges Exemplar! Es steht solitär auf einem kleinen Hügel der einen herrlichen Blick auf die Hügelketten des nahen Stromgebietes bietet (Bild 1, 2). Über das bekannte Kugelstadium erwachsener Grusonii`s ist diese Pflanze längst hinaus. Sie besitzt ebenso wie Ihre nahen und hier häufig wachsenden Verwandten der Art Echinocactus ingens ZUCCARINI eine Tonnenform. Ungewöhnlich und nicht leicht erklärlich ist, daß ein Wollschopf fehlt, der alle blühfähigen Echinokakteen üblicherweise kennzeichnet. An seiner Stelle drängen sich die charakteristischen, goldgelben Dornen, wie wir es von den Jungpflanzen in unseren Sammlungen kennen. Auch die braune bis schwarzbraune Bedornung in der unteren Körperhälfte paßt eigentlich nicht ganz zur üblichen Erwartung wie man sie aus Europa mitbringt. Dieses sicherlich uralte Individuum dürfte schon lange vor der HILDMANN`schen Erstbeschreibung 1891 seinen Aussichtspunkt bewohnt haben. Sollte es noch nie zur Blüte gekommen sein?

Wie schon erwähnt ist Echinocactus grusonii in seiner Heimat eine Rarität, während Echinocactus ingens häufig ganze Landschaftsbilder prägt. Vermutlich war die Goldkugel bereits vor ihrer Entdeckung selten, wenn auch der zu seiner Zeit bekannte Kakteenkenner HEESE 1896 anläßlich einer Mexikoreise die Ausrottung dieser schönen Art bedauert. Sein Bericht an die Deutsche Kakteengesellschaft ist unter einem weiteren Aspekt interessant, da es offensichtlich schon zum Ende des vorigen Jahrhunderts Umweltschäden durch Industrie und intensive Bodennutzung gab. So liest sich das Protokoll der Februarsitzung wie eine visionäre Vorausschau auf unsere heute globalen Umweltprobleme:

"...In einem Herrn Professor Dr. SCHUMANN zugegangenen Bericht beklagt Herr HEESE die auf Kosten der Natur im Laufe der letzten Jahre eingetretenen totalen Änderungen in der Umgegend der Hauptstadt Mexiko. Dort wo die bekannten Kakteenwiesen dem Sammler reiche Ausbeute gewährten, wo die Rasen der Mamillaria elongata DC., M. longimamma DC. und anderer Spezies massenhaft vegetierten, wurde bei Anwesenheit unseres Reisenden durch den Präsidenten der Republik Mexiko ein Stierkampfplatz eröffnet, während ein anderer Komplex von den weitläufigen Werken elektrischer Anlagen eingenommen wird. Bis zur Schneegrenze des Iztaccihuatl, 2500 Meter hoch, werden Kartoffelkulturen betrieben. Wo früher Gebirgsbäche die abstürzenden Gletschergewässer in wilder und romantischer Pracht zu Thale führten, hat jetzt ein biederer sächsischer Landsmann eine Bierbrauerei etabliert. Pflanzen wie Echinocactus Grusonii Hildm. und E. turbiniformis Pfr. welche nur einen räumlich kleinen Verbreitungsbezirk haben (Anm. d. Verf.: die Rede ist hier ebenfalls von der Barranca del Infierno, s. SCHUMANN, 1903, S. 314), werden nach den Mitteilungen unseres Freundes HEESE im Heimatlande leider bald ausgerottet sein und ihre fernere Existenz lediglich unseren Sammlungen und unserem Schutze zu danken haben..."

Die Hoffnung Amateure und staatliche Institutionen könnten durch Ihre Sammlungen bedrohte Kakteen retten helfen hat sich, wie wir alle wissen, im allgemeinen leider nicht erfüllt. Im Gegenteil, das Kaufinteresse speziell für seltene Arten führte zur beschleunigten Ausrottung dieser Pflanzen am Standort ohne nennenswerte Vermehrung in der Kultur. Echinocactus grusonii könnte eine der wenigen Arten sein für die HEESE aber vielleicht doch rechtbehält.

Literatur:

ANDERSON, E. F. (1959): Auf der Suche nach Ariocarpus, Kakt. and. Sukk. 10 (4): 49-53

HIRSCHT, K. (1896): Aus der Gesellschaft der Kakteenfreunde, Monatsschrift f. Kakteenkunde 6 (3): 46-48

KRÄHENBÜHL, F. (1970): Die "Goldkugel" und andere Kakteen Mexikos, Kakt. and. Sukk. 21 (10): 194-197

MEGATA, M. (1944): An Account of the Genus Astrophytum LEMAIRE in: Memoirs of the College of Agriculture, No. 56, Kyoto Imperial University: 39, 61

MEYRAN, J. (1971): Las Cactaceas del Estado de Queretaro, Cact. Suc. Mex. 16 (1): 18-22

SANCHEZ-MEJORADA, H. (1968): Las Cactaceas del Estado de Hidalgo, Cact. Suc. Mex. 13 (1): 13-18

SCHATZL, S. (1977): Mexico, wie ich es sah, Mitteilungsblatt d. Gesellschaft Österreichischer Kakteenfreunde: 58-63

SCHUMANN, K. (1903): Gesamtbeschreibung der Kakteen, Monographia Cactacearum, 2. ed. mit den Nachträgen von 1898-1902, J. Neumann Verlag, Neudamm: 313-314

WAGNER, E. (1962): Excursion al Infiernillo, Cact. Suc. Mex. 7 (4): 92-95

Bildtitel:
Echinocactus grusonii HILDM. am Standort bei Boca del Leon. Die Pflanze hat trotz ihres hohen Alters vermutlich noch nie geblüht.

Bilder:
Ferocactus histrix
Echinocactus grusonii

Anmerkung: Bei der im Artikel abgebildeten Pflanze handelt es sich nicht um Echinocactus grusonii sondern um Ferocactus histrix. Auf diesen Irrtum hat mich mein Kakteenfreund Otakar Sadovsky hingewiesen (14.11.1989). Felix Krähenbühl bestätigte die Diagnose mit Schreiben vom 4.12.1989. Er stellte mir freundlicherweise auch ein Foto von Echinocactus grusonii aus der Moctezumagegend, nahe Vista Hermosa, zur Verfügung.

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