HOOCK, H. 1988 . Kakt. and. Sukk. Band: 39 Heft (12) Seite 294-298 Ein Zufall mit weitreichenden Folgen: Die Erstbeschreibung von Astrophytum asterias (ZUCCARINI) LEMAIRE
HOOCK, H. 1999 . CaVeKa (Belgien) Band: 12 Heft (10) Seite 155-158 Tijdschrift voor Liefhebbers van Vetplanten Kamerplant De nieuwbeschrijving van Astrophytum asterias (Zuccarini) Lemaire
Ein Zufall mit weitreichenden Folgen: die Erstbeschreibung von Astrophytum asterias (ZUCCARINI) LEMAIRE
Einer Anekdote nach hat der Botaniker und Naturforscher Baron Wilhelm von KARWINSKY die Entdeckung von Astrophytum asterias angeblich einem Zufall zu verdanken. Auf seiner zweiten Mexikoreise, die erste unternahm er 1826 - 1832 im bayerischen Auftrag, war er 1842 mit einer Kutsche von Monterrey nach Tampico unterwegs. Irgendwo in der Tierra Caliente von Tamaulipas habe ihm ein hilfreicher Windstoß den Sombrero gerade an die Stelle geweht, an der er die schönste Art aus der Gattung Astrophytum fand. Ob nun diese Begebenheit stimmt oder nicht, sie ist jedenfalls in den folgenden 140 Jahren immer wieder gerne zitiert worden. Bisher wurde aber ein weit größerer, ja fast unglaublicher Zufall übersehen, der bis heute seine Spuren hinterließ: von den Pflanzen, die KARWINSKY für ZUCCARINI vom Standort entnahm blühte später in München mindestens eine reingelb!
Für uns ist es heute selbstverständlich, daß die Blütenschlundfarbe von Astrophytum asterias rot ist (Abb. 1). Sie kann allerdings zu orange oder bräunlich tendieren und ist in dieser evolutiv jungen Spezies überhaupt sehr variabel. Reingelbe Blüten kommen dagegen fast nie vor. Das war wohl auch ein Grund für den Asteriaskenner WERY, H. 1982 über seinen Erfolg bei der genetischen Auslese dieser Seltenheit zu berichten. 54 Jahre vor ihm hat KAYSER, K. auf eine solche Kostbarkeit in der Neuhausener Kakteensammlung von Dr. MOELLER hingewiesen, die aus den FRIC-Importen von 1924 stammte. Welchen genauen Anteil die reingelb blühenden Asterias in der Natur besitzen ist nicht bekannt. Betrachtet man größere Aussaaten von Standortmaterial, so dürfte er aber nur in Promille, maximal in Prozenten zu messen sein. FRIC hat 2000 Exemplare gesammelt und nach Europa eingeführt, nur etwa 500 überlebten den Wintertransport von Hamburg nach Prag. Darunter fand sich eine einzige reinrot blühende Pflanze. Den Anteil der reingelb blühenden nennt FRIC damals aus gutem Grund nicht. Seine Feinde zweifelten die Echtheit seiner Asterias an und dazu gehörte zu jenem Zeitpunkt auf jeden Fall noch die reingelbe Blüte! Es war also ein enormer Zufall, daß KARWINSKY in dem geschilderten historischen Moment gerade eine solche Pflanze ausgewählt hat. Andernfalls müßte man annehmen, es habe eine reingelb blühende Population existiert, die bis heute nicht mehr gefunden worden ist. Für eine solche Hypothese gibt es keine Anhaltspunkte.
ZUCCARINI (1797-1848) erhielt seine Pflanzen im Frühjahr 1843 aus Mexiko und zumindest eine blühte im Sommer 1844. Im folgenden Jahr veröffentlichte er dann in den Abhandlungen der Königlichen Bayerischen Akademie zu München seine berühmte Erstbeschreibung des Echinocactus asterias. Sie ist für damalige Maßstäbe mit beispielloser Genauigkeit und auch für heutige Anforderungen umfassend ausgeführt. Alleine der Teil der Blütenbeschreibung ist so detailliert, daß die LEMAIRE'sche Gattungsdefinition von 1839 vom Umfang her um das fast zehnfache übertroffen wird. Sicher hätte ZUCCARINI einen roten Blütenschlund erkannt und dokumentiert. Fraglich bleibt allerdings, ob ihm nur eine einzige blühende Pflanze zur Verfügung stand. GRÄSER, R. berichtet zwar 1941 davon, daß 1844 Astrophytum asterias im Botanischen Garten München "...in mehreren Stücken blühte...", seine Aussage ist aber leider nicht belegt. Für die Samenbeschreibung mußte ZUCCARINI auf Material zurückgreifen, das ihm Staatsrat v. FISCHER aus St. Petersburg zur Verfügung stellte. Dieser wiederum hatte es von KARWINSKY aus Mexiko erhalten. Wäre ZUCCARINI die Möglichkeit offengestanden zwei Asterias gegenseitig zu bestäuben, hätte er die Gelegenheit kaum versäumt Frucht und Samenbildung zu studieren.
KARWINSKY's Asterias gelangten damals nicht nur nach München, sondern auch an den Kaiserlichen Garten zu St. Petersburg wie er ZUCCARINI selbst mitteilt. Der Fürst SALM-DYCK, J. führt sie ebenfalls in seinem Verzeichnis von 1849. Auch die "Collection" der Handelsgärtnerei HAAGE, F. A. jun. in Erfurt war im Besitz dieser Kostbarkeit wie uns RÜMPLER, TH. 1886 berichtet. Möglicherweise wurden die Pflanzen zwischen den beiden Sammlungen ausgetauscht, da der Fürst und HAAGE in regelmäßiger Verbindung standen. Von keinem aber wurde eine Blütenbeschreibung bekannt. Astrophytum asterias ging vermutlich schon in den 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts verloren und wurde erst 1919 bzw. 1923 in Mexiko wieder gefunden.
Nach der Erstbeschreibung vergingen fast 50 Jahre, in denen die Kakteenfreunde ohne Nachricht dem verschollenen Asterias nachtrauerten. Der zur damaligen Zeit bekannte Kakteenjäger REICHENBACH, F. sorgte mit den Ergebnissen seiner Reisen durch das mexikanische Hochland dann endlich für einen Lichtblick. Unter den zahlreichen Astrophyten, die der Ingenieur von Eisenbahnlinien aus sammelte, befanden sich neben Astrophytum capricorne (DIETR.) BR. & R. auch Pflanzen die dem Asterias offensichtlich sehr ähnelten. Einer seiner Kunden, der Gärtner NIKOLAI aus Blasewitz bei Dresden, stellte sie erstmals anläßlich der Jahres-Hauptversammlung der Gesellschaft der Kakteenfreunde am 12. November 1893 einem größeren Kreis vor. Zwei Jahre später gelangten die Herren der Novembersitzung unter der Leitung von Karl SCHUMANN zur Überzeugung, es müsse sich bei diesen runden Astrophyten um Asterias handeln. Als störend wurde lediglich die geringe Rippenzahl empfunden. Aber schon ZUCCARINI hatte ja in seinen kommentierenden Worten zur Erstbeschreibung erwähnt, daß "...die Kanten, fast immer 8 an der Zahl...", also auch abweichend sein konnten. Jene historisch belegte Verwechslung von Astrophytum asterias mit Astrophytum myriostigma v. strongylogonum BACK., wie wir heute den REICHENBACH-Fund bezeichnen würden, hat SCHUMANN in seinen Artikeln 1896 sowie seinem Gesamtwerk 1903 veröffentlicht. Sie wurde von MEYER, R. 1911 wiederholt und war letztlich nur möglich, weil die reingelbe Blüte des Asterias als wesentliche Diagnose herangezogen werden mußte. MEYER kommt zu dem Ergebnis, "...daß...gegen eine nähere Verbindung beider Formen jedes Bedenken schwinden muß und die Asterias-Form wohl unbeanstandet als Varietät des E. myriostigma bezeichnet werden kann...".
Der geschilderte Trugschluß minderte SCHUMANN's großes Ansehen auch später kaum, da er aus den vorliegenden Daten eigentlich zwangsläufig eine falsche Folgerung ziehen mußte. Hier erging es einer anderen Fachkapazität, die ebenfalls ein Opfer des KARWINSKI'schen Zufall's wurde, wesentlich schlimmer. Gemeint ist ROST, E. C., der das nach seinem Wissensstand einzig rotschlundig blühende Astrophytum capricorne zur eigenen Gattung "Maierocactus" erhob. Allerdings muß man es auch seiner intellektuellen Unredlichkeit zuzuschreiben, behauptet er doch in derselben Schrift, nicht nur die "graue Form" von Astrophytum myriostigma aus den Bergen von Coahuila (Astrophytum coahuilense (MOELL.) KAYS.) genau zu kennen, sondern auch die Blüten des Asterias in Kultur und am Standort studiert zu haben. Das Schicksal wollte es, daß zwei Jahre vorher FRIC, A. V. die langersehnte Wiederentdeckung gelungen und ROST über diese Sensation nicht ausreichend informiert war. "Maierocactus" wurde zwangsläufig in der gesamten Fachwelt einhellig abgelehnt und belächelt.
Die FRIC'schen Kakteenimporte 1923-24 nach Europa bedeuteten für die Astrophytenfreunde das Jahrhundertereignis. Zwar berichten BRITTON, N. L. & ROSE, J. N., der Sammler SOLIS habe schon 1919 im Rio Grande Tal die Pflanzen gefunden, aber an der Identität dieser Exemplare mit Asterias wird noch heute gezweifelt. Vermutlich zu Unrecht, denn nicht nur CONTRERAS, F. sammelte dort zwei Jahre später Pflanzen nach, sondern auch gewissenlose Händler die das Habitat bereits um 1935 wieder leerplünderten. Einen Eindruck vom Wert des wiedergefundenen Astrophytum asterias mag das Inserat der Fa. HAAGE, F. A. jun. aus dem Jahr 1924 in der Zeitschrift für Sukkulentenkunde vermitteln (Abb. 2). Der Preis von 40 Mark für eine Pflanze mit vier Zentimeter Durchmesser entsprach damals etwa dem halben Monatslohn eines gutverdienenden Industriearbeiters, der das große Glück hatte einen Arbeitsplatz zu besitzen (Jahresbericht des Gewerbeaufsichtsamtes Baden, 1923-1924). Hinzu kam, daß FRIC die meisten seiner Asterias zur Samengewinnung sowie Kreuzungsversuche für die "Pragohybriden" zurückbehielt und somit das Angebot weiter begrenzte.
Das rotschlundig blühende Astrophytum asterias ließ die verwandtschaftlichen Zusammenhänge der verschiedenen Arten und Formen innerhalb der Gattung plötzlich in einem neuen Licht erscheinen. Betrachtet man die Gliederungsversuche von Botanikern und Liebhabern in ihrer historischen Abfolge, so kann man deutlich eine Zeit vor und eine nach FRIC unterscheiden (Tab. 1). Verwendete man vor 1925 häufig die Dornen als diagnostischen Schlüssel, sind es nachher meist Blütenschlundfarbe sowie Öffnungsmechanismus und Färbung der Frucht. Lediglich einige englischsprachige Autoren wie MARSHALL (1941), GILKEY (1944) und FEARN, P. (1960) benutzten noch die Bedornung im Hinblick auf die vorläufige Systematik von HOUGHTON, A. D. (1930). Diese war aber ausdrücklich auf einen Artikel von MOELLER, A. F. ausgerichtet, in welchem speziell die Myriostigmen abgehandelt sind. ROST, E. C. hatte mit seiner Gliederung nach der Blütenschlundfarbe eigentlich die modernen Gesichtspunkte bereits vorausgenommen, die dann MOELLER, H. 1927 mit seinen beiden Linien der Kreuzbarkeit unter den Arten formulierte. Sie geben die tatsächlichen evolutiven Progressionen wesentlich treffender wieder und decken sich auch prinzipiell mit der Arealverteilung.
In der Entdeckungsgeschichte der Astrophyten gab es neben dem KARWINSKY'schen Zufall auch noch andere, wie uns das siebenrippige Astrophytum capricorne zeigt, das POSELGER für die Erstbeschreibung an DIETRICH sandte. Aber keiner war auch nur annähernd mit solch weitreichenden Konsequenzen verbunden. Er hat Irrtümer von Fachleuten verursacht und die verwandtschaftlichen Zusammenhänge der Gattung über 80 Jahre lang verschleiert. Ein Rückblick auf das wechselvolle Schicksal von Astrophytum asterias zeigt uns aber darüber hinaus, daß wir heute möglicherweise Zeugen eines weiteren, entscheidenden Ereignisses sind: der endgültigen Ausrottung dieser vielleicht schönsten aller Kakteenarten (Tab. 2). Jeder Pflanzenfreund ist durch den Appell von SANCHEZ-MEJORADA aufgerufen keine Importpflanzen zu kaufen und damit Astrophytum asterias in seiner Heimat retten zu helfen.
Literatur:
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ZUCCARINI, J. G. (1845): Echinocactus asterias in: Abhandlungen der mathem.-physik. Classe der Königlich Bayrischen Akademie der Wissenschaften, IV-2: 13-19, Tab.III
Bilder:
Astrophytum asterias
Standort Tamaulipas
Tabelle 1 Historie
Tabelle 2 Historie
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gelbe Blüten
normale Blüten
Astrophytum asterias bei Llera
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