HOOCK, H.; HÖRL, A. 1988 . Kakt. and. Sukk. Band: 39 Heft (6) Seite 140-141 Pubescente Astrophyten


Pubescente Astrophyten

Als CH. LEMAIRE 1839 die Gattung Astrophytum definierte hat er ein auffallendes Merkmal nicht erwähnt, das wir heute als das wichtigste dieser Kakteengruppe betrachten: die Haarbüschel auf der Epidermis. Seiner Beschreibung liegt eine Pflanze zugrunde, die von GALEOTTI 1837 in Mexiko gefunden und nach Europa gesandt wurde. Sie war typisch beflockt und hat gerade deshalb von LEMAIRE in der Artbeschreibung den Namen myriostigma, d.h. zehntausendgepunktet erhalten. Dieses erstaunliche "Versäumnis" von LEMAIRE mag dadurch erklärbar sein, daß ihm zum damaligen Zeitpunkt der seit elf Jahren bekannte und ebenfalls beflockte Echinocactus ornatus aus verschiedenen Gründen nicht in das Konzept der "Sternförmigen" paßte. Er deutet dies auch 1868 in seinem Werk "Les Cactees" an. Erst SCHUMANN bezeichnet 1896 die Beflockung als entscheidendes Gattungskennzeichen. BRITTON & ROSE vereinigen dann 1920 diese beiden beflockten Spezies endgültig in einer gemeinsamen Gattung.

Wie dem auch sei, die Flocken der Astrophyten haben alle nachfolgenden Generationen der Liebhaber dieser Pflanzen und viele Berufsbotaniker beschäftigt. Es fehlt dabei nicht an kuriosen Ansichten über die Natur dieser Haare. Beispielsweise wurde die Meinung geäußert, die Flocken seien möglicherweise Schuppen (SCHUMANN 1894, GLASS & FOSTER 1987) oder Wachsausscheidungen (GRÄSER 1928, 1930, BOMMELJE 1951). GRÄSER schildert in einer kurzen Anekdote den Irrtum eines Fürther Lehrmädchens, das die für den Verkauf bestimmten Astrophyten blankpolierte, da es die Flocken für Läuse hielt. Sinn und Zweck dieser Epidermisanhängsel sind bis heute nicht restlos geklärt, obwohl es auch eine Reihe von wissenschaftlichen Deutungsversuchen gibt (KRAINZ-BUXBAUM 1961, SCHILL-BARTHLOTT-EHLER-RAUH 1973). In diesem Beitrag soll jedoch ein anderes Phänomen angesprochen werden, das der sogenannten Flockenfelder.

Bei einem gesunden Astrophytum sind die Haarflöckchen, aus einiger Entfernung betrachtet, gleichmäßig über den gesamten Pflanzenkörper verteilt. Lediglich Astrophytum ornatum DC. bildet in der Übergangsphase zum Erwachsenenstadium Flockenbänder und nudale Streifen. Innerhalb der Flockenbänder ist aber auch in dieser Spezies wie bei allen anderen der Gattung die Flockenanordnung gleichmäßig. Vereinzelt, ja sehr selten, findet man in Sammlungen Pflanzen, die von dieser strengen Regel abweichen. Bei diesen Sonderlingen sind bestimmte Körperpartien übergangslos extrem dicht mit besonders langen Flockenhaaren bedeckt (Abb. 1). Es entstehen weiße Flockenfelder. Solche Astrophyten sehen gefleckt oder zebroid aus und fallen durch ihren Habitus auch dem Laien sofort auf (Abb. 2 bis 4).

Erste Berichte über diese Pflanzen stammen von R. GRÄSER aus dem Jahr 1966. Abkömmlinge der von ihm vorgestellten Myriostigmen pflegt noch heute einer von uns (Hörl) und von diesem Material stammen auch die Abbildungen. Zwischenzeitlich blieben diese pubescenten Formen nicht auf Astrophytum myriostigma beschränkt, vielmehr fanden sich weitere bei Astrophytum asterias ZUCC., Astrophytum capricorne (DIETR.) BR.& R., Astrophytum coahuilense (MÖLL.) KAYS. und Astrophytum ornatum. Auch in Japan, einem Land mit langer Astrophytumtradition, wurden diese Pflanzen entdeckt und gepflegt. HIRAO und ITO erweitern 1979 bzw. 1981 die bereits umfangreiche Synonymie der Astrophyten um eine ganze Palette neuer Bezeichnungen. Während HIRAO seine gefleckten Pflanzen mit dem schlichten Zusatz "forma" belegt, nennt sie ITO "pubesent", wohl eine Ableitung aus dem lateinischen "pubescent" für flaum oder weichhaarig. Im einzelnen zählt er folgende Namen auf: Astrophytum asterias v. pubesente, Astrophytum myriostigma v. quadricostatum pubesente, Astrophytum myriostigma v. coahuilense pubesente, Astrophytum myriostigma v. nudum pubesente und Astrophytum ornatum v. pubesente. Nach unserer Auffassung handelt es sich hierbei durchwegs um Kultivare. Eine generative Vermehrung dieser Pubescenten ist bisher nicht gelungen, vielmehr entstanden alle gefleckten Astrophyten ursprünglich beim Pfropfen. Bei wurzelechter Weiterkultur verlieren sie diese Besonderheit dann allerdings nicht mehr. Für die Berechtigung eines Varietätsranges fehlt jeder Hinweis darüber, daß derartige Pflanzen an einem mexikanischen Standort existieren, oder gar ein eigenes Areal besitzen.

Die geschilderten Umstände deuten daraufhin, daß die quantitative und qualtitative, partienweise Flockenveränderung bei pubescenten Astrophyten auf eine Virusinfektion zurückzuführen ist. Auch die meist unsymmetrische und regellose Fleckenverteilung wäre ein Indiz dafür. Um diese Fragen zu beantworten haben wir unter möglichst sterilen Bedingungen gesunde Astrophyten auf pubescente gepfropft. Eine Übertragung des vermuteten Erregers von der Unterlage auf den Pfröpfling durch den Saftstrom wäre ein weiterer indirekter Beweis für die Annahme einer solchen Ursache. Unabhängig davon soll die Untersuchung einer pubescenten Pflanze klären, ob sich virusbedingte Zelleinschubkörper nachweisen lassen. Sobald diese Experimente abgeschlossen sind, werden wir darüber berichten.

Literatur:

BOMMELJE, C. (1951): Astrophytum, Succulenta 30 (5): 66, zit.: ROEDER

BRITTON, N. L.; ROSE, J. N. (1937): The Cactaceae - Descriptions and Illustrations of Plants of the Cactus Family, Carnegie Inst. of Washington, 2. edition: 182-185

GLASS, C.; FOSTER, R. (1987): Cacti and succulents for the amateur, Cact. Succ. Journ. (US) 59 (2): 56

GRÄSER, R. (1928): Astrophytenkreuzungen und Mendelsche Gesetze (Schluß), Zeitschrift f. Sukkulentenkunde 3 (9): 193

GRÄSER, R. (1930): Zur Biologie der Kakteen (Parallelerscheinungen in der heimischen Pflanzenwelt), Monatsschrift d. DKG 2 (5): 102

GRÄSER, R. (1966): Von der Beflockung bei Astrophytum myriostigma, Kakt. and. Sukk. 17 (2): 37-39

GRÄSER, R. (1967): Wünsche eines Myriostigmenfreundes, Kakt. and. Sukk. 18 (5): 85, Abb. 8 und 9

HECHT, H. (1976): Fortschritte der Kakteen- und Sukkulenten-Kultur 76 (Sonderdruck Nr.3 der Deutschen Kakteen-Gesellschaft e.V.), Kakt. and. Sukk.: 207

HIRAO, H. (1979): Colour Encyclopaedia of Cacti, Seibundo Shinkosha Pub. Co., Japan: 21-29

ITO, Y. (1981): The Cactaceae - Classification and Illustration of Cacti by Yoshio Ito, Japan: 507-517

KRAINZ, H. (1961-65): Die Kakteen, Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart: Lieferung 1.IV.1962, C VIa

LEMAIRE, CH. (1839): Cactacearum Genera nova Speciesque novae et omnium in Horto Monvillano cultarum: 3-6

LEMAIRE, CH. (1868): Les Cactees, Libraire agricole de la Maison Rustique, Paris: 49-51

PEUKERT, D. E. (1976): Virusbedingte Zelleinschubkörper bei Marniera chrysocardium (ALEXANDER) BACKEBERG, Kakt. and. Sukk. 27 (5): 110-111

SCHILL, R.; BARTHLOTT, W.; EHLER, N.; RAUH, W. (1973): Raster-Elektronen-mikroskopische Untersuchungen an Kakteen -Epidermen und ihre Bedeutung für die Systematik-; Akademie der Wissensch. u.d. Lit., Mainz, Steiner-Verlag, Wiesbaden: 213, 217

SCHUMANN, K. (1896): Echinocactus asterias ZUCC. (Schluß), Monatsschrift f. Kakteenkunde 6 (4): 53

SCHUMANN, K.; in: ENGLER, PRANTL (1894): Die natürlichen Pflanzenfamilien III. Teil 6. Abteilung a: Cactaceae, Wilhelm Engelmann Verlag, Leipzig: 162

USCHDRAWEIT, H. A. (1965): Viruskrankheiten bei Kakteen, Kakt. and. Sukk. 16 (5): 91-95

Bilder:

Flockenfelder Nahaufnahme
Astrophytum asterias
Astrophytum capricorne
Astrophytum myriostigma
Astrophytum myriostigma (2)
Astrophytum coahuilense

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