BERNHARD, U.; HOOCK, H. 1986 . Kakt. and. Sukk. Band: 37 Heft (7) Seite 141-147 Die Astrophyten von Cuatro Cienegas
Die Astrophyten von Cuatro Cienegas
Der bekannte Kakteensammler H.W.VIERECK fand um 1930 in der näheren Umgebung des nordmexikanischen Ortes Cuatro Cienegas eine Pflanze, die zunächst von KAYSER (1933) als Echinocactus capricornis var. niveus beschrieben und später von VIERECK (1939) zu Astrophytum umkombiniert wurde.
Von Astrophytum capricorne(Dietrich) Britton et Rose var. capricorne unterscheidet sich diese Varietät vor allem durch ihre robustere Bauweise. Bei einem Durchmesser von 15-20 cm wird sie 40-50 cm groß. Die variablen (meist 6 - 8) Dornen sind kantig steil, 7 -9 cm lang und nach oben gerichtet. Die Beflockung ist filzig weiß, jedoch nicht so dicht wie bei Astrophytum coahuilense (Moeller) Kayser. Die gelbe, "rotgeäugte" Blüte mit einem Durchmesser von etwa 7 cm, Frucht und Samen sind vom Typ kaum verschieden.
Der Standort bei Cuatro Cienegas liegt in einer etwa 500 Quadratkilometer großen, geschlossenen und abflußlosen Beckenlandschaft, einem sogenannten Bolson, und ist eines der trockensten Gebiete der Chihuahua-Wüste, zu der es biogeographisch gehört. Diese gegenwärtig noch in Ausdehnung befindliche Wüste umfaßt in erster Linie den nördlichen Teil der mexikanischen Hochebene mit den Staaten Chihuahua, Coahuila, Nuevo Leon, Zacatecas, Durango sowie San Luis Potosi und ist die größte der drei nordamerikanischen, vom Trockenbusch geprägten Wüsten, dessen wesentlichstes Element der Kreosot-Busch oder die Gobernadora [Larrea tridentata (De Candolle) Coville] ist (BROWN 1982). Das Bolson de Cuatro Cienegas ist von hohen Gebirgszügen umgeben. Geologisch bestimmen Kalkgesteinsformationen der Kreidezeit das Gebiet. Die Bodenbildung unter den ariden Verhältnissen verläuft nur langsam, sodaß im ansteigenden Gelände, das hier die artenreichste Xerophytenvegetation aufweist, vor allem trümmergesteinsreiche, flachgründige, mergelige bis lehmig-sandige Böden vorherrschen.
In unmittelbarer Nähe der trockenen, teilweise bis über 3000 m ü. NN hohen Sierras gibt es überraschenderweise ausgedehnte Feucht- und Sumpfbiotope, die von mineralreichem Grundwasser versorgt werden, das z. T. als kleinere Lagunen u. ä. zutagetritt. Diese ungewöhnliche Situation sowie die Abgegrenztheit der Senke, ermöglichte Entstehung und Erhalt vieler Tier- und Pflanzenarten, die hier endemisch sind (BOKE 1968). Das Klima ist kontinental ausgeprägt mit großen jahreszeitlichen Gegensätzen (Diagramm 2 und 4). Auch der tägliche Temperaturgang oszilliert stark. Er durchläuft im Winter nachts Werte unter dem Gefrierpunkt, tags Werte bis über 30 Grad Celsius im Schatten. Die Niederschläge sind spärlich, mit einem sommerlichen Maximum (Diagramm 3). Um die extremen Bedingungen für die Astrophyten an diesem Standort zu verdeutlichen, sind vergleichbare Daten der anderen Astrophytum capricorne-Vorkommen in Diagramm 1 und 2 aufgezeichnet. Nur im ausgetrockneten Viesca-Lagunenbecken ist es ähnlich heiß und niederschlagsarm wie in Cuatro Cienegas. Im Juni fällt bei uns in München fast ebensoviel Regen, wie dort das ganze Jahr. Im langjährigen Mittel beträgt in München die durchschnittliche Jahrestemperatur 7,9 Grad in Cuatro Cienegas aber 21,9 Grad Celsius! In der Hochebene und in den Bergregionen dieser Landschaft herrscht eine intensive UV-Strahlung. Fäulnisbakterien geben hierbei weitgehend zugrunde. Obwohl die Pflanzen kaum faulen, sieht man doch überraschend häufig "Leichen". Viele Astrophyten sind vermutlich ein Opfer der großen Trockenheit, aber auch verschiedener natürlicher Feinde. Bei einigen Individuen konnten wir Larven von Schadinsekten im Körperinneren feststellen. In den schotterreichen Fußhügeln der Sierra la Madera wächst Astrophytum capricorne var. niveum voll sonnig sowie im Schutz der Begleitvegetation, wobei Bedornung und Beflockung bei den beschatteten Exemplaren schwächer ausgebildet sind. Dominierend in diesem Gelände sind kleinbleibende bis halbhohe Gehölze wie die Gobernadora, der Ocotillo (Fouquieria splendens Engelmann), der Mesquite Baum (Prosopis juliflora De Candolle) u. a., durch setzt mit oft großflächigen Populationen von Grusonia bradtiana Britton & Rose und Agave lechuguilla Torrey, weiterhin Yucca spp., Dasylirion sp. und Hechtia spp. In diesem zum Teil undurchdringlichen Busch bei Wintertemperaturen um 30 - 35 Grad Celsius im Dezember 1985, die wenigen Astrophytum capricorne var. niveum zu finden fiel nicht leicht (Abbildung 1).
Diese Trockenbusch-Lebensgemeinschaft, der sogenannte Matorral (RZEDOWSKI zit. in BRAVO-HOLLIS 1978), besitzt eine wichtige ökologische Bedeutung indem sie - sozusagen als Wegbereiter - die Voraussetzungen für die Existenz einer großen Artenzahl von Stamm- und Blattsukkulenten bietet. An Kakteen fanden wir Opuntia spp., Echinocereus spp. darunter Echinocereus pectinatus var. rigidissimus (Engelmann) Ruempler, Echinocactus horizonthalonius Lemaire, Echinomastus spec., Glandulicactus uncinatus (Galeotti) Backeberg, Hamatocactus hamatacanthus (Muehlenpfordt) Knuth, Epithelantha micromeris (Engelmann) Weber, Mammillaria leona Poselger, Lophophora williamsii (Lemaire ex Salm Dyck) Coulter, sowie herrliche Exemplare von Ariocarpus fissuratus (Engelmann) K. Schumann.
Mehrere Wegstunden von Cuatro Cienegas entfernt gibt es ein weiteres Vorkommen von Astrophyten aus dem sehr variablen Astrophytum capricorne-Komplex, die, versehen mit filzig weißer Beflockung und starken Dornen, als Astrophytum capricorne var. niveum anzusprechen sind. Unter ähnlichen Boden- und Klimaverhältnissen, in wetterexponierterer Lage und höherem Vegetationsdeckungsgrad, kommen hier mehr Astrophytum capricorne var. niveum vor als bei Cuatro Cienegas. Große und alte Pflanzen konnten wir dagegen nicht finden. Neben Gobernadora, Ocotillo, Grusonia bradtiana etc. waren vor allem größere Ansammlungen der Candelilla (Euphorbia antisyphilitica Zuccarini) auffallend, aus deren rutenähnlichen, bereiften Trieben Wachs gewonnen wird. Weiterhin wächst Selaginella lepidophylla Spring in großer Menge, ein in Trockenzeiten steingrauer Moosfarn, der nach Niederschlägen innerhalb kurzer Zeit ergrünt und deshalb Auferstehungspflanze genannt wird. Teilweise im offenen Gelände, meist jedoch vortrefflich getarnt in Felsspalten, im Schutz von Gräsern Euphorbia antisyphilitica, niedrigen Gehölzen u.a. wachsen hier dicht beflockte und stark bedornte Astrophytum capricorne var. niveum neben meist völlig nudalen oder schwach beflockten Pflanzen gleichen Baumusters. Während dichtbeflockte und nudale Formen zahlenmäßig zu etwa gleichen Teilen zu finden waren, kamen intermediäre Typen nur vereinzelt vor. Letzteres ist sehr überraschend, da man eine gegenseitige Befruchtung beider Formen nicht ausschließen kann. Ein typisches Exemplar dieser nudalen Astrophyten zeigt Abbildung 2. Es besitzt ohne Dornen einen Durchmesser von 11 cm bei insgesamt fast kugeliger Form. Bis zu einer Höhe von etwa 4 5 cm ist es geschrumpft, das ist gleichzeitig der am Standort unterirdische Teil des Körpers. Die Pflanze hat acht scharfe Rippen deren Kanten abgerundet und gewellt sind. Die Epidermis ist völlig nudal und von dunkelgrüner Farbe. Besonders auffällig sind die kräftigen, bis 8,5 cm langen Dornen. Ihre Anordnung ist oft parallel auf der Areole (s. Diagramm der Dornenverteilung). Sie wird charakterisiert durch ein besonders starkes Paar am unteren Areolenende. Im Neutrieb ist die Dornenfärbung dunkel- bis rehbraun. Bereits ab der zweiten Areole auf jeder Rippe er scheint sie jedoch in ihrem typischen Grau. In diesem Alter fasert die Dornenoberfläche auf. Flüchtig betrachtet erscheint sie behaart. Form und Farbe der Dornen ahmen dürres Gestrüpp, Gras und tote Hechtien der natürlichen Umgebung nach. Durch die harten Lichter und Schatten der Hochlandsonne ergibt sich ein Effekt der Somatolyse, wie auch als Mimese bei Tieren bekannt (Zebra, Tiger). Das nudale Astrophytum capricorne var. niveum ist durch diese optische Auflösung der Körperkonturen an seinem Standort hervorragend getarnt (Abbildung 3). Das Auftreten nudaler Formen an Standorten dicht beflockter Pflanzen ist auch bei anderen Astrophyten bekannt. Im Jaumave-Tal in Tamaulipas gibt es bestimmte Populationen von Astrophytum myriostigma Lemaire, die zur Reduzierung der Beflockung tendieren, der Anteil weitgehend nudaler Pflanzen ist jedoch äußerst gering. Andererseits konnten wir an verschiedenen Standorten nudaler Astrophytum myriostigma im Gebiet zwischen Huizache und Dr. Arroyo keine weißen Formen finden.
Nudale Astrophytum capricorne var. niveum wie diese - oder diesen zumindest sehr ähnliche - sind schon viele Jahre bekannt. Bereits 1935 kamen von KREUZINGER Aufnahmen in Umlauf, später berichteten noch MEGATA (1944), ITO (1981) und BUSEK (1981) darüber.
Alle Autoren hielten diese grünen bis teilbeflockten und starkbedornten Pflanzen für Astrophytum capricorne var. crassispinum (Moeller) Okumura. Nach MÖLLER (1925) ist diese Varietät charakterisiert durch einen laubgrünen, scharfrippigen Körper mit schwacher oder fehlender Beflockung. Die 6 -8 plattgedrückten Dornen sind in der Jugend schwarz bis braun, später grauweiß kreidig. Die Blüte ist nicht wie bei Astrophytum capricorne var. capricorne gelb mit rötlichem Auge, sondern am Blütengrund schwefelgelb wachsartig. Die nudalen Astrophytum capricorne var. niveum und das von KREUZINGER, MEGATA, ITO und BUSEK vorgestellte Material, wie auch Pflanzen, die als Astrophytum crassispinum in den letzten Jahren von einer süddeutschen Kakteengärtnerei vertrieben wurden und die hierher gehören dürften, kommen hinsichtlich des Habitus der MÖLLER'schen Erstbeschreibung sehr nahe.
Während die Blüte der nudalen Astrophytum capricorne var. niveum noch nicht untersucht werden konnte, blühen die meisten Pflanzen der o. g. Quellen mit einer sehr variablen rötlichen Färbung des Blütengrundes und nur wenige reingelb. Weiterhin wachsen die nudalen Astrophytum capricorne var. niveum über 100 km entfernt von der Sierra de Parras, die A. MÖLLER als Fundort der Pflanzen angibt, die später sein Bruder als Echinocactus capricornus var. crassispinus Moeller leider ohne Abbildung und Hinterlegung von Herbarmaterial beschrieb sodaß diese Varietät sicherlich auch künftig umstritten bleiben wird.
Ein weiterer Formenkreis, der aufgrund der reingelben Blüte mit Astrophytum capricorne var. crassispinum in Verbindung gebracht wurde, besteht aus Pflanzen die große Ähnlichkeit mit Astrophytum capricorne var. minus (Runge et Quehl) Okumura aufweisen. Diese Pflanzen schickte H.W.VIERECK, dem der Fundort MÖLLERs nicht bekannt war, nach Europa. Von diesen Pflanzen wurde wiederholt berichtet (KAYSER 1933, HAAGE-SADOVSKY 1957a/1957b, SADOVSKY-SCHÜTZ 1979). Sie hatten dünne, biegsame Dornen und waren offensichtlich stärker beflockt. Mit Ausnahme der gelben Blüte einiger weniger Pflanzen hatten diese Exemplare deren Nachkommen in Kultur zu 60 % rotschlundig blühten (SADOVSKY 1951), keine Ähnlichkeit mit Astrophytum capricorne var. crassispinum im Sinne MÖLLERS.
Welcher Stellenwert der reingelben Blüte zur Charakterisierung des Astrophytum capricorne var. crassispinum beizumessen ist, ist schwer zu beurteilen. Fest steht, daß von den gewöhnlich rotschlundig blühenden Arten der Untergattung Neoastrophytum Backeberg neben reingelb blühenden Kultivaren (KAMPE 1979, WERY 1982) auch von Astrophytum capricorne var. niveum aus der Umgebung von Cuatro Cienegas und Astrophytum coahuilense rein gelbblühendes Standortmaterial existiert (SCHÄTZLE, pers. Mitt.). Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, Blüten, Kreuzbarkeit, Frucht und erste Sämlingsgeneration zu beobachten. Gelegentlich soll über die Ergebnisse berichtet werden.
Literatur:
BOKE, N.H. (1968); Excursiones de la Universidad Oklahoma en el Norte de Mexico - 1967, Cact. Suc. J. Mex. 8 (3) 50-58
BROWN, D.E. (1982); Biotic Communities of the American Southwest - United States and Mexico, Desert Plants 4(1-4); 169-179
BUSEK, J. (1981): Astrophytum niveum W. Haage et Sadovsky und Astrophytum crassispinum W. Haage et Sadovsky Die zwei schönsten "Bischofsmützen", Kakt. and. Sukk. 32(6) 138 140
HAAGE, W., SADOVSKY O. (1957a); Revision in der Gattung Astrophytum Kakt and. Sukk. 8(9); 137-138
HAAGE, W., SADOVSKY O. (1957b); Kakteen -Sterne 51-59, Neumann Verlag Radebeul
ITO, Y. (1981) The Cactaceae-Classification and Illustration of Cacti 514 515 Japan
KAMPF, H.-D. (1979) - Astrophytum (capricorne var.) crassispinum - Wunschdenken oder Wirklichkeit?, Kakt. and Sukk 30 (12); 298-299
KAYSER, K. (1933); Echinocactus (Astroph.) capricornis niveus var. n., Kakteenkunde (1): 31-32
MEGATA, M (1944); An Account of the Genus Astrophytum Lemaire, Memoirs of the College of Agriculture No. 56 51 - 52, Fig. 29, Kyoto Imperial University
MÖLLER, H. (1925); Echinocactus capricornus Dietr. und seine Varietäten, Zeitschrift für Sukkulentenkunde 2 (7); 127-129
RZEDOWSKI, J. (1968) zit. in BRAVO-HOLLIS, H. (1978); Las Cactaceas de Mexico; 96, Universidad National Autonoma de Mexico
SADOVSKY, O (1951)- Bemerkungen zur Gattung Astrophytum Lem., Mitteilungen der Schweizerischen Kakteen-Gesellschaft 10(9); 33-34
SADOVSKY, O., SCHÜTZ, B. (1979); Die Gattung Astrophytum 149-153, Abb. 111,112, Flora-Verlag Titisee-Neustadt
SECRETARIA DE PROGRAMACION Y PRESUPUESTO, (1981); Carta de Climas - Monterrey
VIERECK, H. W. (1939); Astrophyten, wie sie der Sammler in den Heimatgebieten sieht, Beiträge zur Sukkulentenkunde; 4-8
WERY, H. (1982); Reingelbe Blüten bei Astrophytum asterias (Zuccarini) Lemaire, Kakt.and.Sukk. 33 (1); 7
Bilder:
Astrophytum capricorne v. niveum
Astrophytum capricorne v. niveum f. nudum
Diagramm Dornenverteilung
Klimadiagramme
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