HOOCK, H. 1985 . Siedlung und Eigenheim (Wächter Verlag, Berlin) Band: 38 Heft (9) Seite 302-304. Bischofsmützen
Eine Kostbarkeit aus der Neuen Welt:
B i s c h o f s m ü t z e n
Kakteen üben auf jeden Pflanzenfreund eine besondere Faszination aus. Obwohl sie inzwischen schon zur Massenware im Supermarkt gehören, besitzen diese Vertreter der Sukkulenten noch immer den Reiz des Exotischen. Sie vermitteln uns ein Gefühl dafür, daß es außerhalb unserer gewohnten Kultur- und Gartenlandschaft noch ein Stück Natur gibt, das der Mensch und seine Technik noch nicht bewältigt haben. Kakteen sind Lebenskünstler unter den Pflanzen. Sie besiedeln klimatische Grenzräume der Neuen Welt, die anderen nicht mehr zugänglich sind.
Neben diesen typischen Kakteen mit den Eigenschaften der Sukkulenz (Wasserspeicherung im Stammgewebe) den Dornen und Haarbüscheln auf den Areolen (Vegetationspunkte) gibt es auch andere, die sich an niederschlagsreichere Gegenden angepaßt haben. Hier sind uns vor allem die Phyllokakteen (Blattkakteen) und die Zygokakteen (Weihnachtskakteen) geläufig. Heute soll jedoch die Gattung Astrophytum (Sternpflanzen) vorgestellt werden die mit die höchstentwickelten Stammsukkulenten Mexikos beinhaltet. Ihr geläufiger deutscher Name "Bischofsmütze" leitet sich treffend aus ihrer fünfrippigen Form her. Auch die Mexikaner selbst bezeichnen das Astrophytum myriostigma als "mitra" (Bischofsmütze). Die Gattung umfaßt fünf Arten, die räumlich voneinander getrennt vorkommen (s. Skizze).
Astrophytum ornatum
Die evolutiv älteste und südlichste Art stellt Astrophytum ornatum (ornatus=geschmückt) aus den mexikanischen Bundesstaaten Hidalgo und Queretaro dar. Es war auch die erste Bischofsmütze die im Jahr 1828 nach Europa kam. Als der Botaniker De Candolle die Pflanze aus der Überseekiste auspackte, war er zunächst der Meinung, der neue und unbekannte Kaktus wäre nach der monatelangen Schiffsreise vom Pilz befallen. Zu seinem Erstaunen stellten sich jedoch die weißen Flecken mit denen der gesamte Körper übersät war als Haarbüschel heraus. Heute weiß man, daß diese Beflockung ein Charakteristikum der Astrophyten darstellt, das nur sie besitzen. Die Wollflocken dienen der Wasseraufnahme (Tau), dem Sonnenschutz und vor allem der Mimese. Unter dieser versteht man die optische Anpassung an die Umgebung. Sie bietet den Pflanzen einen großen Überlebensvorteil, weil sie vor Tierfraß - und manchmal auch vor der menschlichen Sammlertätigkeit schützt!
Astrophytum myriostigma
Die perfekteste diesbezügliche Tarnung besitzt wohl Astrophytum myriostigma (myriostigma=tausendgepunktet) das der Franzose Lemaire elf Jahre später, 1829, beschrieben hat. Es ist mit seinem fünfrippigen, dicht mit weißen Wollflecken bedeckten, dornenlosen Körper an seinen Standorten in San Luis Potosi und Tamaulipas zwischen den Kalkfelsen oft nicht mehr von diesen unterscheidbar! In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben viele Kakteensammler, darunter mehrere Deutsche, Varietäten entdeckt und beschrieben. Man kennt sogar Pflanzen ohne Flocken (Nuden), Pflanzen mit nur vier Rippen und alte Myriostigmen mit sieben oder acht. Aber alle besitzen rein gelbe Blüten wie die Ornaten.
Astrophytum asterias
Einer Anekdote nach verdanken wir die Entdeckung des ebenfalls dornenlosen Astrophytum asterias (asterias=seeigelartig) dem Wüstenwind! Der deutsche Mexikoreisende Baron Karwinsky mußte seinem davonrollenden Hut nachlaufen und fand gerade an der Stelle im dürren Gestrüpp an der sich sein Sombrero verfing die erste Pflanze dieser wohl schönsten Art der Gattung. Die wenigen Exemplare die damals 1843 Europa erreichten waren bald verschollen, denn die Kultur der Pflanze ist nicht einfach. Erst 51 Jahre später ist das Asterias von Fric bei dem mexikanischen Großgrundbesitzer Gonzalez im Staat Tamaulipas wiedergefunden worden. Die Pflanze ist auch heute eine Rarität und in ihrer Heimat fast ausgestorben. Anfang dieses Jahrhunderts hat man am Rio Grande an der mexikanisch/texanischen Grenze ein weiteres Vorkommen festgestellt. Das ebenfalls sehr seltene texanische Asterias ist aber schon in den 30-er Jahren durch gewissenlose Händler ausgerottet worden.
Astrophytum capricorne
Als letztes Astrophytum wurde Astrophytum capricorne (capricorne=ziegenbockähnlich) 1850 von Poselger gefunden und von Dietrich l851 beschrieben. Es sind die nördlichsten Bischofsmützen in den Staaten Coahuila, Zacatecas und Nuevo Leon. Sie besitzen eine dichte, lange Bedornung und prächtige gelbe Blüten mit tiefrotem Schlund. Ihre Standorte sind die regenärmsten aller Astrophyten in den Wüsten der Sierra de Paila. Bei ihrer Mimese spielt die Bedornung eine große Rolle. Im Gestrüpp sind sie damit vorzüglich getarnt. Manche Pflanzen ähneln bei flüchtigem Hinsehen mehr einem dürren Grasbüschel als einem Kaktus. Von Astrophytum capricorne kennt man die Varietäten niveum (niveus=schneeig, schneeweiß), senile (senile=greisenhaft) und crassispinum (crassispinus=starkbedornt).
Astrophytum coahuilense (H. Möller) Kayser
In der Heimat des Astrophytum capricorne wächst auch die fünfte Art der Gattung, das Astrophytum coahuilense. Es hat seinen Namen von seinem ersten Fundort im Staat Coahuila erhalten. In den angrenzenden mexikanischen Bundesstaaten Zacatecas sowie Durango ist es auch anzutreffen: so gesehen ist die Benennung nicht sehr glücklich. Ein Laie kann das Coahuilense von der "normalen" Bischofsmütze, dem Astrophytum myriostigma, kaum unterscheiden. Erst die Blüte zeigt den Unterschied. Während die Myriostigmen wie erwähnt reingelbe Blüten besitzen, weist das Coahuilense solche mit rotorangefarbigem Zentrum auf. Damit ist eine nähere Verwandtschaft zu den Capricornen naheliegend. Trotzdem hat die wissenschaftliche Systematik diese Pflanzen bis ins Jahr 1939 irrtümlich als Varietät zu den Myriostigmen geführt.
Kultur und Vermehrung
Die Pflege der Myriostigmen und Ornaten dürfte für den engagierten Pflanzenfreund kein Problem darstellen. Wie alle Bischofsmützen wachsen sie am besten in einem lockeren, mineralischen Substrat mit wenig Erdzusatz (ca.3/5 Sand, 1/5 Lehm, 1/5 Blumenerde). Eine Bodenreaktion um PH 7 sagt ihnen durchaus zu: in ihrer Heimat besiedeln sie Gegenden mit Kalksteinformationen ähnlich unserem Jura. Gegossen wird nur während der Vegetationszeit etwa April bis September an warmen Tagen. Den Rest des Jahres verbringen die Bischofsmützen völlig trocken bei Temperaturen um 10 Grad Celsius. Der häufigste Pflegefehler besteht darin, daß diese Ruhezeit nicht beachtet wird.
Alle anderen Astrophyten sind ähnlich zu pflegen. Aber Vorsicht: sie verzeihen Ihnen eine abweichende Behandlung bezüglich Wässern und Ruhezeit weit weniger. Es sind Kostbarkeiten im Pflanzenreich die einer aufmerksamen Pflege wert sind. Zuviel Licht und zuwenig Wasser gibt es kaum für sie; Dunkelheit, Kälte und Staunässe bringen sie in Gefahr!
Wenn Sie sich in einer Gärtnerei oder im Supermarkt gepfropfte Astrophyten kaufen, schneiden Sie die Kakteen so ab, daß etwa zwei Zentimeter der grünen Unterlage noch am Pfröpfling verbleiben (s. Skizze). Lassen Sie die Pflanze an einem schattigen aber warmen Platz einige Tage abtrocknen und bewurzeln Sie anschließend o h n e das Substrat zu befeuchten. Nach einigen Wochen werden sich Wurzeln zeigen. Nun können Sie das Astrophytum eintopfen und vorsichtig gießen. Gepfropfte Astrophyten sehen nicht besonders schön aus. Abgesehen davon werden sie auf der handelsüblichen Unterlage nicht alt, weil diese meist bald abstirbt. Der als Pfropfunterlage verwendete Hylocereus trigonus ist ein eher tropisches Gewächs mit erheblich abweichenden Pflegebedingungen im Winter.
Wollen Sie Ihre Bischofsmützen vermehren gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder Sie bestäuben zwei gleichzeitig blühende Individuen und ernten den Samen (noch einfacher Sie kaufen sich welchen) den Sie aussäen. Oder Sie schneiden Ihre Bischofsmütze mittlings durch (s. Skizze). Den Kopfteil lassen Sie mehrere Wochen trocknen und bewurzeln wieder wie schon erwähnt. Aus dem verbliebenen Stumpf sprossen nach einiger Zeit neue Astrophyten.
Eine Aufzucht der Pflanzen aus den mützenartig geformten, 2-3 mm großen dunkelbraunen Samen ist denkbar einfach. Die Samen werden auf mineralisches Substrat nur locker aufgestreut. Am besten bewässert man die Pflanzgefäße in einer Pikierschale durch Aufstauen. Dadurch verschwemmen keine Samenkörner und die erforderliche milde Feuchtigkeit läßt sich einfach regulieren. Bei hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um 25-23 Grad Celsius keimen die ersten Samen schon nach wenigen Tagen. Achten Sie darauf, daß die jungen Sämlinge frische Luft erhalten. Gegen Pilzbefall kann man mit gutem Erfolg das leicht erhältliche Chinosol vernebeln.
Lassen Sie die jungen Bischofsmützen im ersten Winter nicht ganz vertrocknen und geben Sie ihnen wenn möglich einen hellen Platz am Fenster der nicht unter 15 Grad Celsius warm ist. Sollten die Sämlinge dadurch etwas "länglich" geraten, wird sich wird sich das im nächsten Sommer wieder verwachsen. Diese Zeit oder noch besser das Frühjahr nutzen Sie um die Nachkommen Ihrer Astrophyten zu pikieren. Auch bei guter Pflege müssen Sie allerdings noch 3-4 Jahre auf die prächtigen Blüten warten. Sind die Bischofsmützen aber erwachsen, bringen sie regelmäßig und reich die Blüten vom Frühjahr bis zum Herbst. Wenn Sie alles optimal einrichten werden Ihre Pflanzen sehr alt. Von den Ornaten weiß man, daß einhundert Jahre in ihrem Leben keine Grenze sind.
Hinweise
Wer sich näher mit den Bischofsmützen oder Kakteen allgemein befassen will, dem sei die angegebene Literatur empfohlen. Sie stellt nur einen Auszug aus einer ganzen Reihe guter Publikationen dar, die dem Interessierten zur Verfügung steht. Noch besser ist der persönliche Kontakt mit anderen Kakteenfreunden. In diesem Zusammenhang darf auf die Deutsche Kakteen-Gesellschaft e.V. hingewiesen werden. In ihr sind weit über 5000 Kakteenlienhaber zusammengeschlossen. Eine monatliche Zeitschrift bietet neben interessanten Berichten alle möglichen Bezugsquellen für Pflanzen, Samen, Zubehör und Literatur.
Literatur:
Backeberg Curt, "Das Kakteenlexikon", 1970, Fischer-Verlag, Jena
Haage Walther, "Freude mit Kakteen", 1954, Neumann-Verlag, Berlin
Haage Walther, "Kakteen von A-Z", 1952, Neumann-Verlag, Leipzig
Hecht H., BLV Handbuch der Kakteen, 1982, BLV-Verlagsgesellschaft
Sadovsky-Schütz, "Die Gattung Astrophytum", 1979, Flora-Verlag, Titisee
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