KLESZEWSKI, K. P.; HOOCK, H.; Kakteen und andere Sukkulenten, 58 (10) 2007: Seite 267-272
Wuchsformen von Astrophytum myriostigma subsp. tulense Kayser
Der Naturforscher Galeotti entdeckte 1837 auf einer seiner ausgedehnten mexikanischen Reisen nahe der Hacienda San Lazaro im Bundesstaat San Luis Potosi einen dornenlosen Cereus, wie er dem Weißen Mann bis dahin unbekannt war. Er nannte ihn Cereus callicoche (GALEOTTI, H. G. in SCHEIDWEILER , M. J., 1839). Kurz vorher beschrieb LEMAIRE (1839) diese Pflanzen aber bereits als Astrophytum myriostigma. Sechzig Jahre lang sammelte man die schönen „Sternpflanzen“ aus der Umgebung von Galeottis Fundort. Ihr Körperbau ist in der Jugend kugelig, später im Erwachsenen- und Altersstadium breit-kurzsäulig. Die Blüten sind groß und gelb.
Vor der Jahrhundertwende kamen dann auch Importpflanzen nach Deutschland, die anders als diese bekannten „Potosinen“ schlank und säulenförmig gebaut waren. Karl SCHUMANN (1903) beschrieb sie als Echinocactus myriostigma v. columnaris, ohne nähere Fundortangabe oder Kenntnis darüber ob diese Astrophyten in ihrer Heimat einheitliche Populationen besitzen. Heute wissen wir, dass sie vereinzelt vor allem in Tamaulipas in Mischpopulationen zu finden sind, aber auch bei Huizache im nördlichen San Luis Potosi. Die ersten konkreten Standortangaben zu den „Columnaren“ stammen von dem bekannten Sammler VIERECK (1939), der in der Nähe von Jaumave, Tamaulipas lebte und viele tausend Pflanzen nach Europa sandte. Er nennt dafür die Fundorte Dr. Arrojo in Nuevo Leon und Miquihuana in Tamaulipas, die in der Folgeliteratur immer wieder zitiert werden. In seinem Bericht „Astrophyten, wie sie der Sammler in den Heimatgebieten sieht“, erwähnt er auch säulenförmige Astrophytum myriostigma bei Tula, Tamaulipas. Er unterscheidet hierbei nicht zwischen diesen und dem Astrophytum myriostigma v. columnaris. Schon zehn Jahre vorher kaufte die Firma Haage große Mengen dieser „Tulensen“ von ihm. Konrad KAYSER (1932), der Neffe des berühmten „Kakteenjägers“ Fric, hat sie an Hand dieses Materials als „Astrophytum myriostigma subspecies Tulense“ beschrieben. Er erwähnt als besondere Merkmale u.a. eine sehr dichte Beflockung, die Vielrippigkeit der Pflanzen im Alter, eine säulige Wuchsform, dicht stehende Areolen und kleine, zahlreiche blassgelbe Blüten (Bild 1).
Wie viele Erstbeschreibungen aus jener Zeit ist auch diese aus Pflanzenmaterial entstanden, das von gewerblichen Händlern im natürlichen Habitat vorselektiert und unter dem Gesichtspunkt gesammelt wurde, möglichst interessante, für die Käufer attraktive Stücke anzubieten. Wenn Kayser in seiner Erstbeschreibung von gedrehten „Tulensen“ spricht und diese von KAKTEEN-HAAGE (1929) und BLOSSFELD (1936) jahrelang in den Katalogen so geführt wurden, ist dies ein Beispiel dafür. Spiralformen sind mit wenigen Ausnahmen bei Astrophytum myriostigma so genannte Hungerformen und in der Regel untypisch für ganze Populationen. Es ist deshalb kaum erstaunlich, dass man die „idealen“ Kayser’schen „Tulensen“ in Mexiko nur vereinzelt findet.
Wir kennen jedoch ein Areal in der Nähe von Tula, das ausschließlich Pflanzen beherbergt, die der Erstbeschreibung weitgehend entsprechen. An zwei anderen Standorten, bei La Perdida-Miquihuana und Las Flores in San Luis Potosi sind ebenfalls Pflanzen zu finden, die man als „Tulensen“ bezeichnen kann, wenn man die Erstbeschreibung nicht zu eng auslegt. Allen gemeinsam sind der keulige Jugendwuchs, kleine blassgelbe intensiv duftende Blüten, kleine eng stehende Areolen, sowie samenarme Früchte. In den drei Habitaten besteht der Boden vorwiegend aus hellgrauem Kalk in den verschiedensten Formen mit geringen Humuseinstreuungen. Schotter wechselt sich mit flachen Platten sowie kleinen Stufen und teilweise steilen Felsabsätzen ab. Auch in der Begleitflora ähneln sich die Areale stark. Neben kurzem Gras (Bild 2) findet sich als hauptsächlicher Bodenbewuchs Hechtia spec. in großen ringförmigen Polstern (Bild 3), niedriges Buschwerk und vereinzelt stehende Yucca carnerosana (Trelease) McKelvey, Echinocereus pentalophus (De Candolle), Thelocactus tulensis (Poselger), Thelocactus conothelos (Regel & Klein) Knuth, Mammillaria candida (Scheidweiler), Mammillaria compressa (De Candolle), Ariocarpus retusus (Scheidweiler), Echinocactus ingens (Zuccarini), Opuntia spec., Cylindropuntia spec. sowie Agave lechuguilla (Torrey).
Das Verbreitungsgebiet südlich der Stadt Tula, Tamaulipas
Verlässt man Tula und die die gleichnamige Sierra nach Süden, wird das Gelände flach (Bild 4). Später tauchen Hügelketten in Nord- Südrichtung auf, die sich mit ihren runden Kuppen sehr deutlich vom übrigen Gebiet abheben. Hier befindet sich das Verbreitungsgebiet von Astrophytum myriostigma subsp. tulense auf einer Höhe von 1077 Meter über dem Meer. Alte Pflanzen wachsen schlank säulenförmig. Bei etwa 50 cm Höhe beträgt ihr Durchmesser 9 bis 13 cm. Jungpflanzen sind eher gedrungen keulig, fünfrippig, wobei die spätere Körperform ansatzweise bereits zu erkennen ist. Die Rippen sind tief gefurcht, kantig. Rippenein- und Rippenausschübe erfolgen spontan oder fließend, manchmal ohne Areolen (Bild 5). Im Altersstadium sind acht Rippen die Regel. Ähnlich wie bei den „Potosinen“ wandelt sich die blassgelbe Farbe der kleinen Blüten beim Verblühen in ein zartes Rosa (Bild 6). In den grünen, sternförmig öffnenden Früchten sind durchschnittlich 50 dunkelbraune bis schwarze Samen vorhanden. Die Epidermis dieser Astrophyten ist dicht mit hellen, fast weißen, stark am Körper haftenden, Wollflocken überzogen.
Im Gebiet von La Perdida, Tamaulipas
Nordwestlich der Stadt Tula, an der Südflanke der Sierra Las Vacas, ist ein weiteres Habitat von Astrophytum myriostigma subsp. tulense. Noch im Bundesstaat Tamaulipas gelegen, befindet sich diese Gegend auf einer Höhe von 1479 bis hin zu 1550 Meter über dem Meer. Die hier wachsenden Myriostigmen siedeln teilweise direkt auf den scharfkantigen Felsplatten, in deren Spalten sie mit ihren Wurzeln gerade noch Halt finden. Ganze Pflanzenreihen, in den verschiedensten Größen, kann man entdecken. In dieser Lage sind sie voll der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Etwas mehr geschützt sind Exemplare zwischen Hechtien oder im Bereich von Agave lechuguilla.
Betrachtet man die Wuchsform der einzelnen Exemplare, so kann man die bereits genannte Jugend- und Erwachsenenform deutlich unterscheiden. Alte Pflanzen erreichen eine Höhe bis zu 42 cm mit einer sehr dünnen Körperbasis, wodurch sie keulig wirken. Rippen, Frucht, Samen und Blüte entsprechen der Tula-Population. Eine interessante Abweichung weist aber die Beflockung auf. Sie ist bei jungen Exemplaren hellgrau bis weiß, die Epidermis ist dicht bedeckt (Bild 7). Teilweise wirken die Flocken in diesem Stadium filzig. Mit zunehmender Körpergröße und in höheren Lagen des Habitats erscheinen die Pflanzenkörper mehr grün und schmutzig grau, wobei die Flocken beim Betasten einen sandigen, sehr rauen Eindruck hinterlassen. Abrieb oder fehlende Flocken konnten nur an der Körperbasis von großen Stücken beobachtet werden (Bild 8).
Bei Las Flores, San Luis Potosi
Weiter südwestlich in Bundesstaat San Luis Potosi liegt in der Nähe der Ansiedlung Las Flores ein Verbreitungsgebiet, welches wohl als das südlichste Habitat von Astrophytum myriostigma subsp. tulense anzusehen ist. Es ist durch einen Schotterweg geteilt und liegt auf einer Höhe von 1550 Meter über dem Meer. Der Fuß des kleinen Gebirgszugs ist von Wasserablaufrinnen durchzogen, welche stellenweise dicht mit Büschen und kleinen Bäumen bewachsen sind. Durch die östliche Ausrichtung des Areals, ist bereits in den frühen Morgenstunden eine sehr intensive Einstrahlung der Sonne zu spüren. Die Körperhöhe der gefundenen Exemplare reicht von ca. 8 cm bis 35 cm, wobei die Basis häufig sehr dünn und schlank ist. Anders als in La Perdida oder Tula sind die Rippen weniger scharfkantig und auch nicht so tief eingekerbt. In den Früchten findet man nur bis zu 20 Samen. Junge Pflanzen sind auf der Epidermis dicht mit feinen Wollflocken überzogen. Alte, schütter beflockte Stücke zeigen eine teilweise rötliche Verfärbung der Außenhaut (Bild 9).
Wie bereits erwähnt ist die Erscheinungsform der „Myriostigmen“ an den natürlichen Standorten selbst auf engem Raum in Bezug auf den Körperbau, Zahl und Form der Rippen, sowie Farbe und Dichte der Beflockung sehr variabel. Diese Tatsache und die früher übliche Erstbeschreibung an Hand von Einzelstücken hat dazu beigetragen, dass Astrophytum myriostigma unter vielen Synonymen bekannt ist. Als Beispiel sei nur das rundrippige Astrophytum myriostigma v. strongylogonum von Backeberg genannt, das er in der Nähe von Villar, SLP fand. Wir haben diesen Standort mehrfach besucht und dort nebeneinander wachsend alle Rippenformen von rund bis scharfkantig, dicht bis schütter beflockt beobachtet. Es verwundert daher nicht, dass der weniger spezialisierte Liebhaber in seiner Sammlung oft zweifelt, ob seine Pflanzen richtig etikettiert sind. Bei den „Tulensen“ muss das nicht sein, sie fallen durch ihren schlanken, in der Jugend keuligen Wuchs selbst dem Anfänger auf. Und die Diagnose ist ganz sicher wenn sie blühen. Die Begeisterung von Konrad Kayser über den Blütenduft dieser „Myriostigmen“ war nicht unberechtigt. Er schreibt: „…Die Blüten … haben … einen ausgesprochenen, intensiven Wohlgeruch der an Rosen und Citronen erinnert. Die Luft des Kulturraumes, in dem auch nur wenige Stücke blühen, duftet deutlich nach Rosen…“. Kein anderes bekanntes Astrophytum der gesamten Gattung ist damit annähernd vergleichbar.
Literatur
BLOSSFELD, R. (1936): (Kakteenkatalog) - (Firmenkatalog): 12-13.
GALEOTTI, H. G. in SCHEIDWEILER, M. J. (1839): Cereus callicoche GALEOTTI - Bulletins de l'Academie Royale des Sciences et belles-lettres de Brux. 6: 88.
KAKTEEN-HAAGE (1929): Kakteen-Preisverzeichnis - (Firmenkatalog): 5-8.
KAYSER, K. (1932): Astrophytum myriostigma subspecies Tulense - Der Kakteenfreund 1 (6): 57-59.
LEMAIRE, CH. (1839): Cactacearum Genera nova Speciesque novae et omnium in Horto Monvillano cultarum -: 3-6.
SCHUMANN, K. (1903): Gesamtbeschreibung der Kakteen, Monographia Cactacearum, 2. ed. mit den Nachträgen von 1898-1902 - J. Neumann Verlag, Neudamm: 7, 290, 320-325.
VIERECK, H. W. (1939): Astrophyten, wie sie der Sammler in den Heimatgebieten sieht - Beiträge z. Sukkulentenkunde Jg (1): 4-8.
Bilder / pictures
Artikel / articles
Startseite / home